Campusleben

„Wenn du mich vor fünf Jahren kennengelernt hättest, würdest du mich nicht wiedererkennen. Ich war ein richtiger rightwing-conservative Republican“, sagt Shadow, während wir in dem eindrucksvollen Hauptgebäude der Universität den Prunk eines einstigen Sommerhauses bestaunen. Ich schaue ihn ungläubig an. Shadow ist heute so ziemlich das Gegenteil des rechtskonservativen Republikaners. Er verbringt sein Leben in Anthropologieklassen und Soziologieclubs, versucht (vergeblich) seine Eltern vom aktuellen Stand der Genderdebatte zu überzeugen, schüttelt traurig den Kopf über die derzeitige Klimapolitik und überlegt, zusammen mit seiner undocumented Freundin nach Europa auszuwandern, um seinem jetzt 4-jährigen Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Weiterlesen

Herbstreisen

Draußen reißt der Regen unseres stark bewässerten Berliner Sommers die Wolken in Fetzen, flutet U-Bahnschächte und presst Kanäle über ihre Ufer – so ganz war das nicht der Plan, als ich vorhatte, den Sommer in Berlin zu verbringen. Umso leichter fällt es mir, mich auf meine Herbstreisen vorzubereiten – denn da steht dieses Jahr wieder einiges bevor, von dem ich gerne hier berichten werde.
Wie mein Vater und Gastautor Micha schon beschrieben hat, werden wir Anfang Oktober zwei Wochen Flüchtlingshilfe auf Lesbos leisten, und hoffen, dass unsere Fähigkeiten dort Menschen zugute kommen, die sie gerade sehr dringend benötigen. Womöglich mag es seltsam erscheinen, das in einem Text mit meinen Reisen zu nennen, in denen ich zwar auch ein bisschen andere Perspektiven auf die Welt sammle, die aber doch vor allem meinem Privatvergnügen dienen. Ich habe eine Weile mit mir gehadert, ob und wie ich darüber schreiben will. Zum „wie“ bin ich noch nicht recht fortgeschritten, das „ob“ klärte sich jedoch schnell: Ist es doch so unheimlich wichtig, das, was wir dort sehen werden, nach Hause und nach Außen zu tragen. Nicht, um unser „Gutmenschentum“ anzupreisen, sondern um die Lage dort zu schildern, die es so oft durch unsere Aufmerksamkeitsschleusen schafft. Deshalb also seit an seit mit meinen Reisen: Denn auch das ist ja unsere Welt. Was ich mit Bildern und Worten, Gedanken und Metaphern beschreiben will. Nicht etwas, das nur in gesonderte Talk-Runden und Meinungsartikel der Polit-Ressorts gehört, sondern dort stehen sollte, wo auch das restliche Leben steht. Zweifellos wäre es besser, es gäbe keinen Anlass, darüber zu schreiben. Da er aber nunmal leider existiert, soll er auch sichtbar sein, augenscheinlich als Schattenseite unserer ach so freien Welt.

Während Micha im Anschluss von Athen zurückfliegen wird, habe ich beschlossen, ein bisschen von Südosteuropa kennenzulernen – auch, weil ich denke, ein allzu harter Schnitt von dieser einschneidenden Erfahrung zurück in den Alltag wäre keine kluge Idee.
Nach einigem Versinken in herrlichsten Berichten über die Wunder des Balkans gelangte ich zu zwei Erkenntnissen:
1) Das gibt genug Reisepläne für die nächsten drei Jahre
2) Die ganze Region in drei zur Verfügung stehende Wochen aufteilen zu wollen ist aussichtslos.
Entsprechend werde ich mich in der zweiten Oktoberhälfte auf Griechenland, Mazedonien, einen Zipfel Kroatiens und Bosnien einschränken und schauen, dass ich von dort zurück in den Berliner Winter komme. Die Eckpunkte auf meinen Wunschzielen: Abgelegene Klöster auf Felsspitzen, multireligiöse Großstädte, bergumragte Seen, ins Meer gestreute Inseln und legendenumwobene Tempel.
Verrückterweise ist dieser vielseitige, aufregende Oktobermonat aber noch nicht alles. Denn noch davor, im September, werde ich für circa drei Wochen in die USA reisen. Woher das nun kommt, und ob ich da nicht erst vor drei Jahren noch war, könnte man mich fragen. Gibt es nicht so viele andere spannende Länder, die noch eine Reise wert wären? Zweifellos. Erfreulicherweise hat mich allerdings die Monmouth University in Long Branch, New Jersey für Mitte September eingeladen, einige Inhalte zum Thema Nachhaltigkeit und Kreatives Schreiben mit ihnen zu erarbeiten und zu planen. Dieses Mal also eine Art Planungsaufenthalt, fünf Tage am Campus, doch mit der Aussicht auf weitere Zusammenarbeit. Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Also werde ich meinen Rucksack packen und an die US-Ostküste fliegen, und wenn ich schonmal da bin, ein bisschen mehr von Jersey Shore und Nationalparks zu sehen, in die New York City jenseits der Manhattan-Wolkenkratzer einzutauchen und vielleicht auch ein paar Slambühnen mitzunehmen. Was da so alles passieren wird, werdet ihr also hier ab Mitte September erfahren…
Bis dahin durchschmöker ich noch ein paar Reisebücher und trockne meine Regenkleidung vom Berliner Sommer, voller Vorfreude auf die nächsten Abenteuer.

Hoch oben, tief unten und auf der Grenze

Der Thüringer Wald war bisher immer ein bisschen ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Völlig zu Unrecht wie sich dieses Jahr herausstellte, bei gleich zwei Gelegenheiten.
Nachdem ich über Ostern mit der Familie den südlichen Wald und Erfurt erkunden konnte (was für ein süßes Zuckerbäckerstädtchen!) war ich nun auf meinem diesjährigen Jahresurlaub mit meinen allerbesten Alma erneut in Thüringen – im Nationalpark Hainichenwald. Quartiert in einem hübschen kleinen Holzhaus in Palumpaland, an einem sonnenuntergangsverwöhnten Stauseestrand, bekam ich ausgiebig Gelegenheit, meine neuen wanderschuhe zu testen.
Drei Highlights:
1) Hoch oben auf dem Baumkronenpfad, inmitten des Thüringerschen Urwalds. 50 meter unter uns das Unterholz, neben uns die vögeldurchzwitscherten Kronen hundertjähriger Bäume
2) Auf der alten Grenze zwischen Thüringen und Hessen, Ost und West, wo ein langer Streifen Grün sich zwischen wachturmbedeckten, schwitzenderreichbaren Bergspitzen und sonnengoldnen Rapsfeldern entlang schlängelt; eine 12-Kilometer Rundweg Schönheit (was keine sinnvolle Entfernungsangabe ist wenn es immer wieder auf dem Schild am Rande des Weges steht)
3) Tief unten, zwischen moostriefenden Felswänden in der Klamm der Drachenschlucht bei der (deutlich weniger spannenden) Wartburg. Der Fluss unter unseren Füßen, eine schmale Spur Himmel über den Köpfen, die schönste Fabelfelsschlucht vom Fluss in den Stein gefräst.
Alles Weitere ergibt sich aus den Fotos. Genug neidisch gemacht. Fahrt dort hin. Lohnt sich.

Sechs Tage, Sechs Länder: mit dem Team1World durch den Südosten

Wenig Schlaf, viele Eindrücke, weite Strecken, und keine Minute Zeit für den Block. Klingt nicht nach Urlaub? Nein. Reisen.
Nachdem ich in Sarajevo angekommen war, stieß ich zum „TEAM1WORLD“, mit dem ich die nächste Woche verbringen sollte. Das Ganze ist ein Projekt, das Südosteuropa zusammenführen soll, indem jungen Menschen aus aller Herren Länder die Möglichkeit gegeben wird, in einem Auto voller anderer Nationalitäten diese vielseitige Region zu bereisen. Chili und ich hatten einen der begehrten Plätze dieses Reisestipendiums bekommen, und teilten uns die Tour: Chili reiste mit dem Team von Berlin über Nürnberg, Berchtesgarden, Venedig und Zadar nach Sarajevo, ich übernahm ab dort. So traf ich am 7.8. auf das Team, mit dem ich die nächste Woche verbringen würde. Neben Chili und einer anderen Deutschen („Let’s see how it goes“), die das Team ab Sarajevo verließen, waren das Serendipity aus Italien, Nafaka aus Bosnien-Herzegowina und Saudades aus Portugal. (Die Namen, die ich ihnen hier gebe, waren ihre Lieblingswörter aus verschiedenen Sprachen: Serendipity = unerwarterer, positiver Zufall auf Englisch, Nafaka = täglich änderliches Schicksal auf Bosnisch, Saudades = das Gefühl, etwas / jemanden zu Vermissen auf Portugiesisch). Zusammen erlebten wir Sarajevo, eine Stadt, die noch immer zahllose Narben des Krieges trägt: Einschusslöcher in Häuserfronten, endlose muslimische Friedhöfe mit den Todeszahlen 1992-1995 und das Museum Srpnitza, das uns zerstört und verzweifelnd ins grelle Sonnenlicht zurückstolpern ließ.
Doch selbstverständlich bot die Stadt auch Schönes: die herrliche muslimische Altstadt, einen Sonnenuntergang mit Muezzin-Gesang von der gelben Festung aus über die Stadt blickend, hervorragende Jazzmusiker in einer Kellerbar. (Fotos siehe letzter Post).

Am 9.8. schließlich ging es los: Wir packten unsere eng gepackten Sachen in den Fiat, verabschiedeten uns von Chili und „Let’s see how it goes“ und fuhren gen Norden. Team1World unterwegs in Bosnien
Schon bald erreichten wir Serbien, wo wir im kleinen, unerwartet hübschen Novi Sad pausierten (und es spaßeshalber mit den Augen eines Marketeers sahen).
Mondän in Novi SadWandmalerei in Novi Sad
Novi Sad – Seeding Art, Shopping and Cuisine

Einen langen Grenzübergang später erreichten wir spät am Abend Budapest, wo wir (wie zuvor in Sarajevo) in einer vom Team1World bezahlten Unterkunft totmüde zu Bett fielen. Doch an Ausschlafen nicht zu denken – in Budapest erwarteten uns am nächsten Tag viele weitere Missionen: Wir besuchten die „Invisible Exhibition“, in der wir in die Welt blinder Menschen eintauchten, in völliger Finsternis unsere Umgebung ertasteten und Gerüche und Geräusche plötzlich ganz anders wahrnahmen. Einen Umweg über die Fischerbastei nehmend entdeckten wir dann das „Hospital in the Rocks“, einen Krankenhausbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, später als Atomschutz-Krankenlager ausgebaut, in verzweigten Tunneln unter der Stadt. Geigerzähler und OP-Besteck versetzen einen nicht eben in eine leichtfertige Stimmung. Ein kurzer Besuch im herrlich alternativen Szimpla und wir waren bereit für die Thermen – wie anders kann man den Flair dieser Stadt sonst fassen?
Budapest FestungSzimpla in Budapest
Wie stets erwarteten uns auch andere Missionen, diesmal der Blick des Autors (was mir natürlich entgegen kam), und die Anregung, uns von Budapest für einen fiktiven Roman inspirieren zu lassen. Hier der erste Absatz von „The Blind Bunker“:
The siren screamed ghostly like a dying whales‘ last breath through the dust-shaken alleys of Budapest. The dirt laid like a sandstormed carpet on my face, as my feet found their way through the shredded remains of the Jewish Quarter. The odour of bombs and burned flesh still hung in the air, iron and the faint stains of gasoline. I missed the coldstoned smell of the moldy bunker caves.
„The voice, Master“, one of my followers asked anxiously. His steps weak and reluctant without me, as those of all the lucky
survivors, whose eyesight had been destroyed by the nuclear light.
„Where does this noise come from?“
„Radio.“ I grumbled and let my white stick search the ground for the device. Under the blinded, the blind-born is king. I picked up the radio, turned on the spot and went back to this small fortress of mine, the former hospital in the rocks. My blind bunker.

The Blind Bunker

Schon ging es weiter, eine weitere Grenze passiert und in die Slowakei, ein Land voller atemberaubend schöner Berglandschaften, die wir nicht nur an unseren Fiat-Fenstern vorbeiziehen ließen, sondern auch auf einer kleinen Wanderung ins idyllische Vlkolinec entdeckten:
Wanderung in der SlowakeiVlkolinec
Vlkolinec Collage

Der nächste große Stopp war dann das polnische Krakau, wo wir unseren eigentlich nur einen Tag andauernden Aufenthalt um eine weitere Nacht verlängern konnten – endlich genug Zeit, die Stadt richtig kennen zu lernen.
Der erste Tag war jedoch zu großem Teil Auschwitz gewidmet. Es gibt keine angemessenen Worte, dies zu beschreiben, denn auch wenn die Fakten selbst in zahllosen Geschichtsstunden und Arte-Dokus vermittelt werden, ist es doch etwas gänzlich anderes, am Ort dieser Verbrechen zu stehen und den Tod zu spüren. Es ist unmöglich, dies zu beschreiben, oder zumindest unmöglich, das mit meinen eigenen Worten zu tun.
Auschwitz

Umso besser war es, den Rest des Tages mit unseren Gedanken und Gesprächen verbringen zu können, und die Entdeckung Krakows auf den nächsten Tag zu verschieben. Krakow ist eine mittelalterlich geprägte, hübsche Kleinstadt, auf deren Marktplatz wir talentierte Akkordeonisten und Gitarristen bewunderten, uns auf dem Pierrogi-Fest durch die verschiedensten Geschmacksvariationen probierten und an der Festung beim Sternschnuppengucken vom feuerspeienden Drachen überraschen ließen.
Krakow jüdisches ViertelKrakower MarktplatzKrakows NachtSkylineKunst im FreienDer Drache von Krakau

Am 13. schließlich kehrte unser Auto, die letzte Runde des diesjährigen Team1Worlds, nach Berlin zurück. Wenngleich für mich bekannt, konnten wir als Team zusammen doch auch diese Stadt neu erkunden. Wir kochten mit einer Gruppe Flüchtlingskindern in Charlottenburg und hörten Hintergründe zur Kreuzberger Alternativkultur, entspannten uns am Holzmarkt und blickten im jüdischen Museum noch weiter zurück in die Historie des jüdischen Aschkenas.

Was bleibt, nach einer Woche voller Eindrücke? Zusammengefasst in einer Seite unseres gemeinsamen Team1World Reisetagebuches. Mehr zu dem ganzen Projekt findet ihr hier:
Reisetagebuch team1World

Sarajevo individuell

Da ich die nächsten Tage ohne Computer, dafür mit dem famosen Team1World unterwegs sein werde, hier mal noch schnell die Fotos von meinem ersten Tag in Sarajevo, bei dem ich alleine die Stadt mit all ihren Narben und Verzierungen entdeckte.
Ölraffinerie in der Republika Szrbka
Sarajevo Altstadt
...Hülsen zu Kugelschreibern
Male Daire mitten in der Altstadt.
Früher Bibliothek, heute SenatJesko in mosaikdurchleuchteter Halle
Bosnische Handarbeit
.,.Ein ganzer Friedhof für 3 Jahre
Friedhof auf Sarajevos Hängen
…..Spuren des KriegsAltes SarajevoIMG_8427