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Kategorie: Allgemein

Campusleben

Campusleben

„Wenn du mich vor fünf Jahren kennengelernt hättest, würdest du mich nicht wiedererkennen. Ich war ein richtiger rightwing-conservative Republican“, sagt Shadow, während wir in dem eindrucksvollen Hauptgebäude der Universität den Prunk eines einstigen Sommerhauses bestaunen. Ich schaue ihn ungläubig an. Shadow ist heute so ziemlich das Gegenteil des rechtskonservativen Republikaners. Er verbringt sein Leben in Anthropologieklassen und Soziologieclubs, versucht (vergeblich) seine Eltern vom aktuellen Stand der Genderdebatte zu überzeugen, schüttelt traurig den Kopf über die derzeitige Klimapolitik und überlegt, zusammen mit seiner undocumented Freundin nach Europa auszuwandern, um seinem jetzt 4-jährigen Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

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Herbstreisen

Herbstreisen

Draußen reißt der Regen unseres stark bewässerten Berliner Sommers die Wolken in Fetzen, flutet U-Bahnschächte und presst Kanäle über ihre Ufer – so ganz war das nicht der Plan, als ich vorhatte, den Sommer in Berlin zu verbringen. Umso leichter fällt es mir, mich auf meine Herbstreisen vorzubereiten – denn da steht dieses Jahr wieder einiges bevor, von dem ich gerne hier berichten werde.
Wie mein Vater und Gastautor Micha schon beschrieben hat, werden wir Anfang Oktober zwei Wochen Flüchtlingshilfe auf Lesbos leisten, und hoffen, dass unsere Fähigkeiten dort Menschen zugute kommen, die sie gerade sehr dringend benötigen. Womöglich mag es seltsam erscheinen, das in einem Text mit meinen Reisen zu nennen, in denen ich zwar auch ein bisschen andere Perspektiven auf die Welt sammle, die aber doch vor allem meinem Privatvergnügen dienen. Ich habe eine Weile mit mir gehadert, ob und wie ich darüber schreiben will. Zum „wie“ bin ich noch nicht recht fortgeschritten, das „ob“ klärte sich jedoch schnell: Ist es doch so unheimlich wichtig, das, was wir dort sehen werden, nach Hause und nach Außen zu tragen. Nicht, um unser „Gutmenschentum“ anzupreisen, sondern um die Lage dort zu schildern, die es so oft durch unsere Aufmerksamkeitsschleusen schafft. Deshalb also seit an seit mit meinen Reisen: Denn auch das ist ja unsere Welt. Was ich mit Bildern und Worten, Gedanken und Metaphern beschreiben will. Nicht etwas, das nur in gesonderte Talk-Runden und Meinungsartikel der Polit-Ressorts gehört, sondern dort stehen sollte, wo auch das restliche Leben steht. Zweifellos wäre es besser, es gäbe keinen Anlass, darüber zu schreiben. Da er aber nunmal leider existiert, soll er auch sichtbar sein, augenscheinlich als Schattenseite unserer ach so freien Welt.

Während Micha im Anschluss von Athen zurückfliegen wird, habe ich beschlossen, ein bisschen von Südosteuropa kennenzulernen – auch, weil ich denke, ein allzu harter Schnitt von dieser einschneidenden Erfahrung zurück in den Alltag wäre keine kluge Idee.
Nach einigem Versinken in herrlichsten Berichten über die Wunder des Balkans gelangte ich zu zwei Erkenntnissen:
1) Das gibt genug Reisepläne für die nächsten drei Jahre
2) Die ganze Region in drei zur Verfügung stehende Wochen aufteilen zu wollen ist aussichtslos.
Entsprechend werde ich mich in der zweiten Oktoberhälfte auf Griechenland, Mazedonien, einen Zipfel Kroatiens und Bosnien einschränken und schauen, dass ich von dort zurück in den Berliner Winter komme. Die Eckpunkte auf meinen Wunschzielen: Abgelegene Klöster auf Felsspitzen, multireligiöse Großstädte, bergumragte Seen, ins Meer gestreute Inseln und legendenumwobene Tempel.
Verrückterweise ist dieser vielseitige, aufregende Oktobermonat aber noch nicht alles. Denn noch davor, im September, werde ich für circa drei Wochen in die USA reisen. Woher das nun kommt, und ob ich da nicht erst vor drei Jahren noch war, könnte man mich fragen. Gibt es nicht so viele andere spannende Länder, die noch eine Reise wert wären? Zweifellos. Erfreulicherweise hat mich allerdings die Monmouth University in Long Branch, New Jersey für Mitte September eingeladen, einige Inhalte zum Thema Nachhaltigkeit und Kreatives Schreiben mit ihnen zu erarbeiten und zu planen. Dieses Mal also eine Art Planungsaufenthalt, fünf Tage am Campus, doch mit der Aussicht auf weitere Zusammenarbeit. Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Also werde ich meinen Rucksack packen und an die US-Ostküste fliegen, und wenn ich schonmal da bin, ein bisschen mehr von Jersey Shore und Nationalparks zu sehen, in die New York City jenseits der Manhattan-Wolkenkratzer einzutauchen und vielleicht auch ein paar Slambühnen mitzunehmen. Was da so alles passieren wird, werdet ihr also hier ab Mitte September erfahren…
Bis dahin durchschmöker ich noch ein paar Reisebücher und trockne meine Regenkleidung vom Berliner Sommer, voller Vorfreude auf die nächsten Abenteuer.

Hoch oben, tief unten und auf der Grenze

Hoch oben, tief unten und auf der Grenze

Der Thüringer Wald war bisher immer ein bisschen ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Völlig zu Unrecht wie sich dieses Jahr herausstellte, bei gleich zwei Gelegenheiten.
Nachdem ich über Ostern mit der Familie den südlichen Wald und Erfurt erkunden konnte (was für ein süßes Zuckerbäckerstädtchen!) war ich nun auf meinem diesjährigen Jahresurlaub mit meinen allerbesten Alma erneut in Thüringen – im Nationalpark Hainichenwald. Quartiert in einem hübschen kleinen Holzhaus in Palumpaland, an einem sonnenuntergangsverwöhnten Stauseestrand, bekam ich ausgiebig Gelegenheit, meine neuen wanderschuhe zu testen.
Drei Highlights:
1) Hoch oben auf dem Baumkronenpfad, inmitten des Thüringerschen Urwalds. 50 meter unter uns das Unterholz, neben uns die vögeldurchzwitscherten Kronen hundertjähriger Bäume
2) Auf der alten Grenze zwischen Thüringen und Hessen, Ost und West, wo ein langer Streifen Grün sich zwischen wachturmbedeckten, schwitzenderreichbaren Bergspitzen und sonnengoldnen Rapsfeldern entlang schlängelt; eine 12-Kilometer Rundweg Schönheit (was keine sinnvolle Entfernungsangabe ist wenn es immer wieder auf dem Schild am Rande des Weges steht)
3) Tief unten, zwischen moostriefenden Felswänden in der Klamm der Drachenschlucht bei der (deutlich weniger spannenden) Wartburg. Der Fluss unter unseren Füßen, eine schmale Spur Himmel über den Köpfen, die schönste Fabelfelsschlucht vom Fluss in den Stein gefräst.
Alles Weitere ergibt sich aus den Fotos. Genug neidisch gemacht. Fahrt dort hin. Lohnt sich.

Sechs Tage, Sechs Länder: mit dem Team1World durch den Südosten

Sechs Tage, Sechs Länder: mit dem Team1World durch den Südosten

Wenig Schlaf, viele Eindrücke, weite Strecken, und keine Minute Zeit für den Block. Klingt nicht nach Urlaub? Nein. Reisen.
Nachdem ich in Sarajevo angekommen war, stieß ich zum „TEAM1WORLD“, mit dem ich die nächste Woche verbringen sollte. Das Ganze ist ein Projekt, das Südosteuropa zusammenführen soll, indem jungen Menschen aus aller Herren Länder die Möglichkeit gegeben wird, in einem Auto voller anderer Nationalitäten diese vielseitige Region zu bereisen. Chili und ich hatten einen der begehrten Plätze dieses Reisestipendiums bekommen, und teilten uns die Tour: Chili reiste mit dem Team von Berlin über Nürnberg, Berchtesgarden, Venedig und Zadar nach Sarajevo, ich übernahm ab dort. So traf ich am 7.8. auf das Team, mit dem ich die nächste Woche verbringen würde. Neben Chili und einer anderen Deutschen („Let’s see how it goes“), die das Team ab Sarajevo verließen, waren das Serendipity aus Italien, Nafaka aus Bosnien-Herzegowina und Saudades aus Portugal. (Die Namen, die ich ihnen hier gebe, waren ihre Lieblingswörter aus verschiedenen Sprachen: Serendipity = unerwarterer, positiver Zufall auf Englisch, Nafaka = täglich änderliches Schicksal auf Bosnisch, Saudades = das Gefühl, etwas / jemanden zu Vermissen auf Portugiesisch). Zusammen erlebten wir Sarajevo, eine Stadt, die noch immer zahllose Narben des Krieges trägt: Einschusslöcher in Häuserfronten, endlose muslimische Friedhöfe mit den Todeszahlen 1992-1995 und das Museum Srpnitza, das uns zerstört und verzweifelnd ins grelle Sonnenlicht zurückstolpern ließ.
Doch selbstverständlich bot die Stadt auch Schönes: die herrliche muslimische Altstadt, einen Sonnenuntergang mit Muezzin-Gesang von der gelben Festung aus über die Stadt blickend, hervorragende Jazzmusiker in einer Kellerbar. (Fotos siehe letzter Post).

Am 9.8. schließlich ging es los: Wir packten unsere eng gepackten Sachen in den Fiat, verabschiedeten uns von Chili und „Let’s see how it goes“ und fuhren gen Norden. Team1World unterwegs in Bosnien
Schon bald erreichten wir Serbien, wo wir im kleinen, unerwartet hübschen Novi Sad pausierten (und es spaßeshalber mit den Augen eines Marketeers sahen).
Mondän in Novi SadWandmalerei in Novi Sad
Novi Sad – Seeding Art, Shopping and Cuisine

Einen langen Grenzübergang später erreichten wir spät am Abend Budapest, wo wir (wie zuvor in Sarajevo) in einer vom Team1World bezahlten Unterkunft totmüde zu Bett fielen. Doch an Ausschlafen nicht zu denken – in Budapest erwarteten uns am nächsten Tag viele weitere Missionen: Wir besuchten die „Invisible Exhibition“, in der wir in die Welt blinder Menschen eintauchten, in völliger Finsternis unsere Umgebung ertasteten und Gerüche und Geräusche plötzlich ganz anders wahrnahmen. Einen Umweg über die Fischerbastei nehmend entdeckten wir dann das „Hospital in the Rocks“, einen Krankenhausbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, später als Atomschutz-Krankenlager ausgebaut, in verzweigten Tunneln unter der Stadt. Geigerzähler und OP-Besteck versetzen einen nicht eben in eine leichtfertige Stimmung. Ein kurzer Besuch im herrlich alternativen Szimpla und wir waren bereit für die Thermen – wie anders kann man den Flair dieser Stadt sonst fassen?
Budapest FestungSzimpla in Budapest
Wie stets erwarteten uns auch andere Missionen, diesmal der Blick des Autors (was mir natürlich entgegen kam), und die Anregung, uns von Budapest für einen fiktiven Roman inspirieren zu lassen. Hier der erste Absatz von „The Blind Bunker“:
The siren screamed ghostly like a dying whales‘ last breath through the dust-shaken alleys of Budapest. The dirt laid like a sandstormed carpet on my face, as my feet found their way through the shredded remains of the Jewish Quarter. The odour of bombs and burned flesh still hung in the air, iron and the faint stains of gasoline. I missed the coldstoned smell of the moldy bunker caves.
„The voice, Master“, one of my followers asked anxiously. His steps weak and reluctant without me, as those of all the lucky
survivors, whose eyesight had been destroyed by the nuclear light.
„Where does this noise come from?“
„Radio.“ I grumbled and let my white stick search the ground for the device. Under the blinded, the blind-born is king. I picked up the radio, turned on the spot and went back to this small fortress of mine, the former hospital in the rocks. My blind bunker.

The Blind Bunker

Schon ging es weiter, eine weitere Grenze passiert und in die Slowakei, ein Land voller atemberaubend schöner Berglandschaften, die wir nicht nur an unseren Fiat-Fenstern vorbeiziehen ließen, sondern auch auf einer kleinen Wanderung ins idyllische Vlkolinec entdeckten:
Wanderung in der SlowakeiVlkolinec
Vlkolinec Collage

Der nächste große Stopp war dann das polnische Krakau, wo wir unseren eigentlich nur einen Tag andauernden Aufenthalt um eine weitere Nacht verlängern konnten – endlich genug Zeit, die Stadt richtig kennen zu lernen.
Der erste Tag war jedoch zu großem Teil Auschwitz gewidmet. Es gibt keine angemessenen Worte, dies zu beschreiben, denn auch wenn die Fakten selbst in zahllosen Geschichtsstunden und Arte-Dokus vermittelt werden, ist es doch etwas gänzlich anderes, am Ort dieser Verbrechen zu stehen und den Tod zu spüren. Es ist unmöglich, dies zu beschreiben, oder zumindest unmöglich, das mit meinen eigenen Worten zu tun.
Auschwitz

Umso besser war es, den Rest des Tages mit unseren Gedanken und Gesprächen verbringen zu können, und die Entdeckung Krakows auf den nächsten Tag zu verschieben. Krakow ist eine mittelalterlich geprägte, hübsche Kleinstadt, auf deren Marktplatz wir talentierte Akkordeonisten und Gitarristen bewunderten, uns auf dem Pierrogi-Fest durch die verschiedensten Geschmacksvariationen probierten und an der Festung beim Sternschnuppengucken vom feuerspeienden Drachen überraschen ließen.
Krakow jüdisches ViertelKrakower MarktplatzKrakows NachtSkylineKunst im FreienDer Drache von Krakau

Am 13. schließlich kehrte unser Auto, die letzte Runde des diesjährigen Team1Worlds, nach Berlin zurück. Wenngleich für mich bekannt, konnten wir als Team zusammen doch auch diese Stadt neu erkunden. Wir kochten mit einer Gruppe Flüchtlingskindern in Charlottenburg und hörten Hintergründe zur Kreuzberger Alternativkultur, entspannten uns am Holzmarkt und blickten im jüdischen Museum noch weiter zurück in die Historie des jüdischen Aschkenas.

Was bleibt, nach einer Woche voller Eindrücke? Zusammengefasst in einer Seite unseres gemeinsamen Team1World Reisetagebuches. Mehr zu dem ganzen Projekt findet ihr hier:
Reisetagebuch team1World

Sarajevo individuell

Sarajevo individuell

Da ich die nächsten Tage ohne Computer, dafür mit dem famosen Team1World unterwegs sein werde, hier mal noch schnell die Fotos von meinem ersten Tag in Sarajevo, bei dem ich alleine die Stadt mit all ihren Narben und Verzierungen entdeckte.
Ölraffinerie in der Republika Szrbka
Sarajevo Altstadt
...Hülsen zu Kugelschreibern
Male Daire mitten in der Altstadt.
Früher Bibliothek, heute SenatJesko in mosaikdurchleuchteter Halle
Bosnische Handarbeit
.,.Ein ganzer Friedhof für 3 Jahre
Friedhof auf Sarajevos Hängen
…..Spuren des KriegsAltes SarajevoIMG_8427

Tipps für einen heißen Tag in Zagreb

Tipps für einen heißen Tag in Zagreb

– Durch die schattigen Kolonnaden des efeubewachsenen Friedhofs durchwandern
– Im See schwimmen gehen
– Möglichst wenig draußen zu Fuß bewegen (was kaum geht, wenn man 1 und 2 macht)
– Nicht last minute zum Busbahnhof kommen, schnell noch trinken und essen holen und damit die Wirkung des Sees zunichte machen (aber auch schwer wenn man 1 und 2 macht und trotzdem den Bus um 16:45 nimmt)
– Den Bus um 16:45 nach Sarajevo nehmen, das Ökogewissen ob der Klimaanlage in den Hintergrund drängen und mit „Emilie Nicholas“ auf den Kopfhörern die sonnenbeschienenen kroatischen Landschaften (und Ölraffinerien) jenseits der Fenster bewundern.
…Und jetzt bin ich mal eben in Sarajevo!
Zagrebs schönster FriedhofZagreb Friedhofs-Kollonaden

Per Bahn nach Südwest

Per Bahn nach Südwest

Nur der Fahrtwind der Bahn kühlt ein wenig, mein Wasser ist seit 4
Stunden leer und das Shirt durchschwitzt. Ich hänge am
heruntergelassenen Fenster des D Zugs und genieße Wind und Aussicht
auf schneebedeckte Berge und kristallblaue Flüsse. Es ist eine
schöne, aber lange Fahrt, von Berlin im Nachtzug nach München, dann
übers österreichische Villach, durch Serbien bis nach Kroatien.
Zagreb.
Bedauerlicherweise bleibe ich nur eine Nacht hier, bevor ich den Bus
nach Sarajevo nehme – ich entschloss mich, lieber eine Stadt richtig
zu machen als mehrere ein bisschen. Entsprechend spärlich bleibt die
Zagreb-Erfahrung. Eine Innenstadt zum Stromern, eine alte Kathedrale,
hie und da ein verlorenes Gässchen. Ich verbringe den Abend ohne
Sightseeing-Plan, einfach wohin die Füße führen. Wer keine Zeit für
eine Stadt hat, muss sich verlaufen. Und plötzlich entdecke ich ein
Strassenfest hoch über den Dächern der Stadt (das „Strossmartre“),
eine Hare Krishna Parade, eine von Nachtleben überquillende Strasse
(am Mittwoch, wohlgemerkt), diverse Plakate im Renoviert-Look, die die
Baufälligkeit dahinter verbergen, Gitarristen in 1.-Stock-Fenstern,
eine Durchgeh-Kapelle durch die eine Fußgängerstrasse hindurch führt
und das „Museum of Broken Relationships“. Was man halt so findet in einer Stadt wie Zagreb. Mal sehen was mich morgen noch erwartet!
Bahn durch KroatienDas kleinste Karrussell der StadtDurchgeh-KapelleMuseum of Broken RelationshipsBeste Bierwerbung aller ZeitenAltstadtflair ZagrebStrossmartre StraßenfestFake FacadeDie Kathedrale Zagreb

Amsterdam des Nordens: Die Stadt der Hippies, Räder und Freizeitparks

Amsterdam des Nordens: Die Stadt der Hippies, Räder und Freizeitparks

Pusher Street Regeln
In der Pusherstreet sind Fotos und schnelles Laufen unerwünscht. Denn so ganz legal ist es eben doch noch nicht. Aber irgendwie auch nicht mehr so ganz illegal. An Ghetto-style Tonnenfeuern stehen halbvermummte Gestalten, die der Schlange stehenden Kundschaft Marihuana verkauft, der Geruch frisch angezündeter Joints durchweht den „Green Light District“. Mitten in Kopenhagen, auf einem alten Militärgelände, fühlt man sich jenseits der Regeln der EU und überhaupt der Mainstreamgesellschaft, man versucht sich in Utopien und produziert europaweit bekannte Lasten-Fahrräder. Die drei gelben Punkte der eigenen Fahne hängen lokalpatriotisch an allen Ecken und am langgezogenen Ufer des Flusses sammeln sich selbstgezimmerte Häuser und verzierte Bauwagen, in denen die Hippies und Hausbesetzer der 70er (und sicher auch einige jüngere) es sich beinah konservativ (Gardinen und Eigenheim) gemütlich gemacht hat. Christiania ist eine Stadt in der Stadt, und die Pusher-Street nur eine von vielen Facetten. Ich verbringe einen Nachmittag damit, in einem vegetarischen Restaurant einen herumliegenden utopischen Kurzroman zu lesen, wundere mich über eine alternative Gesellschaft, die zwei Pferde in 20 Quadratmetern einzäunt und schwanke zwischen Bewunderung und Verwirrung. Es gibt vermutlich wenige Orte in Europa, die so konsequent anders sind.
Wie man wohnt in ChristianiaDie Stadtfahne

Aber auch jenseits der Grenzen Christianias bietet Kopenhagen Grund für die Bezeichnung „Amsterdam des Nordens“. (Norweger schauen nach Kopenhagen wie Deutsche nach Norwegen – voller verklärter Begeisterung). Breite Fahrradwege ermutigen die ganze Stadt selbst im Winter noch, mit Miet- oder Lastenrädern oder ganz klassischen Stadträdern an den Kanälen entlangzubrausen, und mitten in der Stadt, gleich neben dem Hauptbahnhof, erklingen die Schreie von Achterbahnfahrenden Kindern im zweitältesten Freizeitpark der Welt, „Tivoli“.
Ich hatte auf meiner Rückfahrt aus Oslo per Fähre einen zweitägigen Zwischenstop in Kopenhagen gemacht, bevor ich mit dem Bus nach Berlin fuhr, und übernachtete zwei Tage bei einer sympathischen Couchsurferin, die noch nicht wusste, dass man Tofu am besten würzt und brät. Die zwei Tage vergingen zügig mit Christiania, einer Stadtwanderung und einer einstündigen Suche (dank verzweigter Kanäle am Hafen, unfertiger Brücken und krummer Wege) nach einem riesigen Schiffscontainer voller Streetfoodstände.
NyhavnTivoli leuchtetHans Christian Anderson

Und dann ging es zurück nach Berlin, wo ich mich nun in sonnigem Wetter über langes Licht am Abend freue, über bekannte Gesichter und Straßen. Und auch wenn ich erst ab Januar wieder in meiner altbekannten Wohnung bin, ist es doch schön, wieder zuhause zu sein. Denn so schön jede Reise ist, das Nach-Hause-kommen ist doch irgendwie genauso schön.

Freunde, Schnee und Abschiedsnächte

Freunde, Schnee und Abschiedsnächte

Auf dem Deck eines elfstöckigen Schiffes stehend blicke ich auf die in der Nacht verschwindenden Lichter Oslos zurück, die mit jeder Minute mehr von der Dunkelheit von Himmel und Wasser verschluckt werden. So bereit ich inzwischen auch für den Heimweg bin, ein wenig schwermütig werde ich doch schon. Man lässt eben immer ein Stück Herz zurück. Erdwind hat mich noch zum Hafen gebracht, nachdem ich die letzte Nacht bei ihm Unterschlupf gefunden hatte (mein Mietvertrag ging nur bis gestern), und wir mit seinem Cousin und dessen Fast-Freundin absurd teures Kino bezahlt haben, uns über Styropor-gleiche bunte Süßigkeiten lustig machten und nachdenklich aus „Interstellar“ wieder rausgingen. Es war schön, den letzten Tag noch mit ihm zu verbringen, der in den Monaten meiner Zeit hier zu einem guten Freund geworden ist – noch mehr als der ganze andere coole Haufen vom SUM-Studiengang. Mit denen war ich letzte Woche erfreulicherweise noch auf einem Cabin Trip, den wir gemeinsam in eine Studentenhütte nördlich von Oslo organisiert hatten. Schon auf dem Weg dorthin (im Bus) begann es zu schneien, und wir freuten uns kindisch, dass wir dann dort oben vermutlich Schnee liegen haben würden (der erste Richtige des Jahres). Nachdem wir dann beinah fünf Kilometer dem Weg zur „Studenterhytta“ gefolgt waren, im dämmrig werdenden wunderschön weißen Wald, stellten wir fest, dass wir durch diverse Umstände aneinander vorbeigeredet hatten – und eigentlich zu der „OSI“ (Osloer Studenten I…-keine Ahnung wofür das I steht) Hütte mussten. Zm Glück gab es außer dem absolut anderen Weg von einer gänzlich anderen Haltestelle auch noch einen Shortcut zwischen den beiden, der nur 1,5 zusätzliche Kilometer war. Die jedoch durch inzwischen nächtlichen Wald, mehr Trampelpfad als Weg, voller frischem Schnee und Matsch. Irgendwann sahen wir dann unsere Hütte zwischen den Bäumen aufglimmen und erstürmten begeistert den letzten Hügel zu unserer Unterkunft für zwei Tage. Wir hatten eine großartige Zeit voller advanced-Versteckspiele im Wald, Sauna-Gänge (mit im Schnee wälzen!), Gruppenspiele, gemeinsamen Kochen und Grillen im Kaminfeuer, Spaziergänge an schneeumringte Seen und einem famosen Sonnenuntergang, den wir dank Bäume vor unserer Hütte nur halb sahen. Letzten Samstag kam der Großteil dieser Clique dann auch zu meiner kleinen Abschiedsfeier „zum Sonnenuntergang um 15:00 auf meiner Dachterrasse“. (Tatsächlich). Leider war es bewölkt, man sah nicht so viel vom Sonnenuntergang, aber wir standen trotzdem drei Stunden frische Winterluft mit heißer Schokolade und Rotwein auf der Terrasse durch bevor wir uns in die Küche verzogen. Ein wahres Füllhorn an famosen Abschieds-Situationen, sozusagen.

Ich im ersten norwegischen SchneeCabintrip-Leute
Erdwind fotografiert Schneewunder

Nun lasse ich also nach vier Monaten Norwegen hinter mir und komme der Heimat langsam wieder näher – einen Zwischenstopp gibt es nur in Kopenhagen, wo mein Schiff morgen früh anlegt und ich Dank Couchsurfing auch schon eine Unterkunft habe. Da bleibe ich dann zwei Nächte (und werde euch sicher davon erzählen), bevor es per Bus wieder nach Berlin zurück geht. Die Zeit ging schnell und nicht schnell zugleich, je nachdem mit wem ich sprach – und so freue ich mich furchtbar, wieder zuhause zu sein, und bin zugleich traurig, Freunde wie Erdwind nicht mitnehmen zu können. Aber hey – Oslo ist ja nur eine Fährenfahrt (und einen Bus) entfernt.

Banksy-KopienPS: Irgendwann war ich auch noch auf einem Wohnzimmerkonzert mit dem Motto „Dress as a famous painting“. Darunter diese herrliche Banksy-Kombination:

Zu viel Nacht in Schweden

Zu viel Nacht in Schweden

Stockholm bei Nacht
Es ist 15:45, ich komme aus einem Museum / einem Café / einer Metro / (ersetze durch beliebiges Gebäude), und aus der Dämmerung ist in wenigen Minuten finstere Nacht geworden. Ich fühle mich sofort, als müsste ich abendessen und/oder schlafen gehen, auf jeden Fall nicht wie: ich habe noch den halben Tag vor mir. Seltsame Stimmung. Zum Glück bin ich aber in Stockholm, und das ist ein bisschen wie Prag (nur in teuer).Das Prag des Nordens
Das heißt: hübsch beleuchtete Altstadt und angenehme Cafés in „SoFo“, viele Museen und 19.-Jahrhundert-Flair. Wie, was Stockholm, war der nicht gerade noch in der anderen skandinavischen Großstadt? Nun ja, die Bahn braucht kaum 6 Stunden in die deutlich größere, schwedische Metropole, und da dachte ich mir, schreibe ich mein Paper doch einfach mal wieder in der Bahn und schau mir Stockholm an, nachdem die vorige Woche in Oslo großteils unspektakulär war (naja, abgesehen natürlich von der Osloer Poetry Slam Meisterschaft im NordicBlackTheater, bei der ich mit norwegischem Text antrat – ein Video davon kommt noch bei nächster Gelegenheit).
Was tut man also in Schweden, wenn nach einer angemessenen Aufstehstunde (vor 8:30 ist ungültig) nur eine Handvoll Stunden Licht übrig bleibt? Hier also ein paar Tipps für Lichtarm in Stockholm:

Das ist Fika– Sich mit einem Buch aus dem fantastischen Science-Fiction-Buchladen in der Altstadt in eines der zahllosen Cafés setzen und „Fika“ machen: das ist die schwedische Nachmittagstradition aus Kaffee + Süßgebäck (meist Zimtkringel), die gerne von 12 bis 17 Uhr ausgedehnt wird

– Sich ein 1,5-Stunden-Ticket holen und die blaue Metrolinie langfahren, an jeder Station aussteigen, Untergrund-Kunst im wahrsten Wortsinne betrachten und dann die nächste Bahn nehmen
Die Schatten der Metro-ErbauerUntergrund(bahn)-Kunst

– Museen, Museen, Museen („Die schwedische Sünde“ im Spirituosenmuseum, „Aberglaube und Okkultismus im 19. Jahrhundert“ im Hallwylska und das eindrucksvollste 17.-Jahrhundert-Kriegsschiff das niemals jemanden beeindruckt hat und nach 20 Minuten auf der Jungfernfahrt sank im Vasa-Museum)
Im Hallwylska Museet...und sein Modell
Das eindrucksvollste Schiff das niemanden beeindruckte

Stadtfreie Luft

– Möglichst früh zum Tyresta-Nationalpark fahren und vier Stunden auf leichten Wegen in herrlicher Ruhe um Seen wandern (nicht, weil man nach 4 Stunden nicht mehr wollte / könnte, sondern weils dann dunkel ist)
Wenige Lichtstunden im Nationalpark
– Im Jugendstil-„Centralbadet“ fünf Stunden lang thermen, saunieren und schwimmen gehen ohne auch nur einen Funken Licht zu verpassen
CentralbadetStockholm Centralbadet (2)

– „Hipster-Bingo“ in der „So-Fo“ genannten Südstadt spielen oder in der Altstadt nach drei Minuten aufgeben, die Touristen zu zählen, und dann einfach in beiden Vierteln auf Plätzen sitzen und die bald hübsch beleuchteten Straßen und Brücken in der Dämmerung aufgehen sehen.
Stockholms AltstadtLangzeitbelichtungsselfie

Jetzt bin ich wieder in der Bahn auf dem Rückweg nach Oslo, das mit Sicherheit inzwischen ähnlich dunkel wird ? aber da ich in den verbleibenden zwei Wochen ohnehin noch einiges für mein Uni-Paper zu schreiben habe, wird das wohl kaum stören. Der Winter kommt mit jedem Tag schneller und bedeckt Skandinavien vorerst nur mit der schwarzen Nachtdecke (Schnee gabs bisher nur als Vorgeschmack), und auch wenn das natürlich ganz schön sein kann, bin ich doch ganz froh, dass ich nicht die volle Tiefe dessen im Januar und Februar miterleben werde…