Durch Eis und Wolken

Durch Eis und Wolken

Des Königs See

„Bist du sicher, dass wir das trinken können?“, fragt Alma, als ich mit ihm neben einem Bachrinnsal an der Seite des Weges stehen bleibe. Er guckt skeptisch. Immerhin ist es ein Bachrinnsal neben dem Schotterweg.

Ich hadere nur kurz, schaue mir das glasklare Wasser an und befinde, viel sauberer als das könne Wasser gar nicht werden. Und tatsächlich, es schmeckt besser, als jedes Wasser, dass ich in den letzten zwei Jahren getrunken haben. Kein Wunder: Wir sind auf über 1000 Metern Höhe, mitten in den Bergen. Der Pfad schlängelt sich entlang des Königssees in das Berchtesgadener Land hinauf, jeder Schritt nach vorne ein Stück weiter aufwärts. Von vier Stunden Fußmarsch gingen heute nur 10 Minuten geradeaus.
Gestern waren Alma und ich aus unseren Heimatstädten in die Bahn gestiegen und hatten uns in München getroffen, wo wir einen Zwischenstopp bei meiner Hippietante einlegten. „Warum nennst du mich immer Hippietante?“, fragte sie wie jedes Mal völlig verständnislos, bevor sie uns ein farblich aufeinander abgestimmtes Bio-Abendessen servierte, von der von ihr gegründeten gemeinnützigen GmbH erzählte und sich zum Schlafen draußen in die Hängematte legte. Wir verbrachten den Abend und den Morgen mit der Hippietante, einer Freundin und ihrer Tochter mit Downsyndrom, die uns viel über ihr Tanz- und Bühnenprojekt hätte erzählen können, stattdessen aber gutgelaunte Einsilbigkeit bevorzugte und dezentes Flirten mit Alma.

Heute fuhren wir dann nach Berchtesgaden, um vom nahegelegenen Schönau unsere mehrtägige Alpenwanderung zu beginnen. Was wir lernten:

– Mein Wassersack fasst 3 statt wie erwartet 2 Litern, und das ist erstaunlich viel zu tragen
– Obwohl die Strecke heute als die unspektakulärste galt, waren wir Stadtkinder schon begeistert
– Die historische Schapsbrennerei macht seit Saisonbeginn frischen Enzianschnaps, und danach läuft es sich trotz bleibender Steigung ziemlich leicht (für 10 Minuten)

„Bist du sicher, dass wir das trinken können?“, frage ich und deute auf die im Wasserbottich deponierte Schnapsflasche. Alma gießt uns etwas in die bereitstehenden Gläschen ein und befindet, dass das eine dumme Frage sei.

Wir enden in der gut ausgestatteten Carl-von-Stahl Hütte, die großteils aus Holz ist. Man tischt uns überdimensionierte Portionen Knödel und Hirschgulasch auf, es gibt eine eiskalte Dusche und ein kleines Doppelzimmer – ein Luxus den wir die nächsten Tage nicht mehr erwarten werden. Morgen geht die harte Strecke los: Man munkelt von 6 bis 10 Stunden. Wir werden es morgen sehen, ab 7 Uhr früh…

Durch Eis und Wolken

„Schau mal da oben,“ sagt Alma und zeigt auf einen gletscherweißen Bergkamm, „laufen da welche?“

Ich folge seinem Blick, vergleiche ihn dann mit unserer Route und seufze. „Jap. Ich glaube, da müssen wir auch lang laufen.“

Laufen ist, ehrlich gesagt, übertrieben. Wir rutschen, wir staksen, und vielleicht balancieren wir die rund 300 Höhenmeter hoch zum Kamm. Und wieder hinunter. Denn auf der anderen Seite sieht es nicht anders aus. Alma rutscht aus und reißt sich die Hose auf (die ich ihm am Abend nähen werde). Als wir auf der anderen Seite angekommen sind, kündigt ein Schild „noch 3 Stunden bis zur Ẁasseralm“ an. „Na komm, das schaffen wir auch noch,“ sage ich halbherzig, aber Almas Motivation ist so tief wie das Schneeloch in das er vorhin eingebrochen ist, und ich kann ihn gut verstehen. Eigentlich sollte die Strecke vom Stahl-Haus bis zur Wasseralm nur sechs Stunden brauchen, heißt es. Als wir den Kamm hinter uns haben, waren wir bereits auf einem 2000er Berg (auf dem wir nicht mal Halt machten, weil die Wolken in denen wir standen recht grau waren und in der Ferne etwas gewitternd brummelte), an Geis- und Steinböcken vorbei über Steinbrocken gesprungen, die kaum die Bezeichnung „Weg“ verdienten, hatten Eis in unserer Flasche zu Trinkwasser geschmolzen und am Seeleinsee pausiert, und wir haben ein bisschen die Zeit aus den Augen verloren, als wir über Schneefelder rutschten, aber 5 Stunden waren sicher schon vorbei. Ein paar hüpfende Österreicher hatten uns zwar überholt und waren die Strecke entlanggehechtet, als machte die Witterung keinen Unterschied, aber die wohnen ja auch hier. Die sind wie Steinböcke, die zählen nicht.

Natürlich waren auch die 3 Stunden nicht wirklich realistisch. Als wir ankamen, hatten wir zwar zugegebenermaßen ein paar Pausen hinter uns, trotzdem war es circa 11 anstrengende Stunden, nachdem wir das Haus verlassen hatten. Die letzten 3 Kilometer zählte ich meine Schritte, und freute mich über jede erreichte 100-Meter-Marke. Das wir zwischendurch in den Wolken gestanden hatten, Steinböcke und Spätmai-Gletscher gesehen hatten, konnte nur halb über die Anstrengungen des Tages hinweg helfen. Für die andere Hälfte sorgte die Besitzerin der Wasseralm: Während andere Wanderer sich schon ihr Abendessen holten, standen wir in voller Montur zur Anmeldung bereit. „Ich bring euch schonmal was zu trinken raus“, sagte sie geheimnistuerisch, „an der Schlange vorbei. Aber verratet es niemandem!“

Die Hütte (oder eigentlich ein kleine Ansammlung von Hütten) ist ein verstecktes Wunder mitten in einem grünen Tal, wo die Rehe um dich herumspringen und die Gemüsesuppe vor dir auf dem Tisch dampft. Wo ein klarer Bach die Alpenkulisse herabfließt, um gleich neben deinem Schlafzimmer entlangzusprudeln. Wir sitzen mit dem Jungpastor und der Ergotherapeutin am Tisch, decken Rotwild-Verschwörungen auf und flaxen so lange herum, bis die Sonne hinter den Bergen versinkt und wir unser von einem Schnarcher terrorisiertes Bettenlager beziehen. „Morgen wird einfacher“, verspreche ich, „die Route sagt nur 4 Stunden, und nur noch Kategorie Mittelschwer“.

„Gut“, sagt Alma „denn die Kombination aus Lang, Eis und Steil kriege ich nicht nochmal hin. Eine, vielleicht zwei Faktoren davon vielleicht, aber nicht wieder alles drei.“

„Allein die kürzere Zeit spielt uns ja da zu“, sage ich zuversichtlich, und bin mir selbst nicht so sicher dabei.

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