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Monat: Oktober 2017

Wer wir sind und wo wir leben

Wer wir sind und wo wir leben

„Kein Albanier mag Albanien“, sagt der Schüchterne, „Wenn ich könnte, wäre ich in Schweden.“
„Unsere Identität ist noch aus der Antike,“ sagt der mazedonische Poet, „wenn andere da Probleme mit unserem Namen haben, ist das doch deren Problem.“
Gespräche hier gehen leicht in solche Richtungen. Wer wir sind und wo wir leben. Was ist kulturelle Identität? Und wie lange man als Gastarbeiter in Deutschland war.
Hier, das sind die letzten fünf Tage in Mazedonien und Albanien, und sie sind voll solcher Gespräche. Weil der Taxifahrer über seine Tochter spricht, die nach Dubai gezogen ist, um als studierte Ökonomin mehr als 250 Euro zu verdienen. Weil der in Deutschland wohnende Fußballtrainer im Bus mein Deutsch gehört hat und mich fragt, was einen Berliner in die albanische „Wildnis“ verschlägt. Weil der Poet am Gartenzaun steht und den einsamen Wanderer auf einen Raki einlädt. Die letzten Tage waren voller spontaner Begegnungen und umgeworfener Entscheidungen. In a nutshell:

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Die Elbenfelsen von Meteora

Die Elbenfelsen von Meteora

Wenn die Nebelbank sich in dicken Schwaden um die Felsen von Meteora legt, sieht es ein bisschen so aus, als würden sie schweben. Nur ein Dutzend Meter Fels, weich auf einer Wolke liegend, gekrönt von einem jahrhundertealten Kloster, dass sich in präfaktischer Weise an den Stein klammert. Die offizielle Geschichte lautet wie folgt: Ein gigantischer See, vielleicht ein Meer, in prähistorischen Zeiten, wurde duch ein Erdbeben gespalten, so dass die Strömungen im abfließenden Wasser eine Reihe caspardavidfriedrichesker Felsen aus dem Sandstein grub, auf deren Spitzen im Mittelalter ein paar orthodoxe Einsiedlermönche ihre nur durch Strickleitern erreichbaren Klöster bauten.
Wenn man an einem verregnet nebligen Tag wie heute auf einem jener Sandsteinmonstren sitzt, möchte man lieber die anderen Geschichten glauben. Vielleicht spielen Elben darin eine Rolle, vielleicht ein Zeichner, dessen fantastischer Stift skurill schöne Bauten auf die Bergspitzen verstreute, ohne sich über Fragen der Machbarkeit oder der Naturgesetze zu scheren. Die Felsen selbst muss ein wütender Zeus in den Grund gespalten haben, heute Nacht wirft er ein blitzendes Spektakel über das große Tal, während ich mit zwei elbenartigen Hippies von den Felsen durch die Nacht stolpere. Wie um zu beweisen, dass dieses Wunder immer noch ihm gehört, und nicht den Touristenbussen an sonnigen Tagen.

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Schlechte Entscheidungen und Athen

Schlechte Entscheidungen und Athen

Ist alleine reisen nicht langweilig? Wird man als Alleinreisender häufig gefragt. Meist antwortet man mit: Nein, man lernt ja unterwegs umso mehr Leute kennen.
Ja, aber.
Es ist Tag 4 nach Lesbos, nach One Happy Family und der Abreise von Micha. Umarmungsreich hatten wir uns von vielen Freund gewordenen Menschen verabschiedet und ich brach auf, um erst Athen und dann den Peloponnes zu erkunden. Ich hatte 3000 Jahre alte Paläste gesehen und war durch zerklüftete Landschaften mit traumhaftem Meerblick gefahren. Aber irgendetwas fehlte.

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Ach, Europa

Ach, Europa

Irgendwo hinter spärlich bewachsenen Bergen, olivbrauner Vegetation und staubig-brüchigen Serpentinen im Norden einer kleinen Insel, die Asien näher ist als dem griechischen Festland; dort, wo Europa seine unsichtbaren Mauern durch das Mittelmeer zieht und in der Verteidigung seiner Werte dieselben vergisst, dort liegt ein Friedhof, der nie einer sein sollte.
Micha und ich parkten das Auto, mit dem wir sonst Flüchtlinge von Moria zur Happy Family fahren, am Rande einer von Schafböcken gesäumten Bergstraße, um den letzten Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Die Sonne des Mittelmeers über unseren Köpfen. „Dafür seid ihr hergekommen?“, fragt ein vorbeifahrender Wohnmobilbesitzer, „Ja, dort über den Hügel. Es ist sehr tragisch.“
Unsere Frage nach dem Weg erübrigt sich, als die Straße den höchsten Punkt erreicht – es ist unübersehbar. Vor uns liegt der Rettungswestenfriedhof.

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Einzelschicksale?

Einzelschicksale?

Wenn wir von unserer Zeit auf Lesbos erzählen, hören wir oft Sätze wie „Respekt, dass ihr das könnt.“ Das ist lieb gemeint – aber eigentlich gebührt uns mitnichten solcher Ehre. Hier sind ein paar Alternativvorschläge, wem hier in Mytilene tausend Respektsbekundungen zufließen sollte, oder Glückwunsche, oder Mitleid. Oder alles zusammen. Eine garantiert unvollständige Sammlung von Einzelschicksalen:

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Die Hoffnung ist der Anker der Welt (afrikanisches Sprichwort)

Die Hoffnung ist der Anker der Welt (afrikanisches Sprichwort)

Ihr lieben,

im Rahmen unseres Flüchtlingseinsatzes erhalten wir über unser Netzwerk immer permanent  Nachrichten, wenn wieder Flüchtlinge von den Rettungsorganisationen hier vor Lesbos aus dem Meer gerettet und anschließend nach  Lebos gebracht werden.

Jeden Abend (!) sind es meistens weiterhin 60-120 Menschen; pro Monat sind es dann ……

Auch diese Menschen werden dann nach Moria (siehe Erklärung in den Voreinträgen) gebracht.

In keiner Nachrichtensendung wird darüber noch berichtet, es sind vergessene Einzelschicksale, genauso wie die 5.000 Menschen, die in Moria darauf warten, dass sie nach Wartezeiten von teilweise bis zu 1,5 Jahren entweder eine Zusage oder wenigstens eine Ablehnung ihres Asylantrages erhalten, auch wenn sie im letzteren Fall dann die zwangsweise Rückführung in Ihre ‚Heimat‘ befürchten müssen.

Ich möchte Euch dazu einen besonderen Link ans Herz legen:

Es ist der Filmemacher Jolinda, der einmal selbst in Moria leben musste und nun über seine Website mit Unterstützung von Volunteers seine Eindrücke von dort und von den katastrophalen Umständen dort per Film festgehalten hat:

http://joindaproductions.wordpress.com

  • Euer (sehr beschämter) Michael
Trauriger Sonntag

Trauriger Sonntag

Heute ist für mich -und weiß Gott nicht nur für mich- ein trauriger Tag im Rahmen unseres Flüchtlingseinsatzes auf Lebos:

Heute habe ich über unser Netzwerk erfahren, dass in Moria – dem völlig überfüllten Flüchtlingslager der Regierung, in dem laut Berichten der Flüchtlinge und belegt durch heimlich gemachte Handyaufnahmen täglich Gewalt und Misshandlungen erfolgen – gestern früh ein fünfjähriges Mädchen unter noch nicht geklärten Umständen gestorben ist.

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One Happy Family

One Happy Family

Es ist warm und wuselig, aber auch bunt wie in einem Hippiedorf aus den 70ern. Wenn der Van durch ein steil ansteigendes Industriegebiet gefahren ist, öffnet sich uns ein Tor zu einem versteckten kleinen Grundstück, mit Wandmalereien und Meerblick. Kinder aus Syrien, Lybien, Irak und hundert anderen Ländern spielen auf dem Klettergerüst, Jungs spielen Basketball, Mütter sitzen auf der Steinballustrade und unterhalten sich, während die Männer sich im Café überzuckerten Tee besorgen.
„Dieser Ort ist einfach magisch“, sagt der kleine Boss, „er gibt mir eine Aufgabe. Vorher, in Moria, gab es nur Warten auf Mittagessen, Warten auf Abendessen, Schlafen. Ohne One Happy Family hätte ich schon aufgegeben.“ Der kleine Boss ist gerade 21, er ist seit vielen Monaten hier, seit er auf einem der Boote, die weiterhin jede Nacht rund 80 Flüchtlinge nach Lesbos bringen, in Mytilene ankam. Er hilft, die anderen Helfer unter den Flüchtlingen zu organisieren, die Kasse zu machen, das Büro zu führen. Wenn es mal Streit gibt, stellt er sich mit Ruhe dazwischen und glättet die Wogen. Der kleine Boss ist sehr wichtig hier, und er macht gute Arbeit. Das weiß er.

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Hoch oben

Hoch oben

In einer kleinen Propellermaschine, mit kaum mehr als 15 Reihen Passagieren, fliegen Micha und ich über das wellenkräuselnde Mittelmeer und braun zerklüftete Inseln. Zwischen Freitag und heute, einem vollwuselndem New York und jener Insel, die anzusteuern wir im Begriff liegen, sah ich viele Wolken – einige davon von oben. Denn auch wenn das im letzten Beitrag so klang: noch geht es keineswegs nach Berlin zurück.
Zunächst zog es mich nach Zürich, wo der Schweizer Teil meiner Familie zum all-vierjährlichen Treffen geladen hatte. In Glarus, dem Kanton mit der kleinsten Hauptstadt Europas (eigentlich kaum mehr als ein Dorf), fanden sich 34 Cousins und Cousinen, Tanten, Onkel, Großnichten und Neffen ein, in einem Haus in dem Bergen, zwischen Nebelwolken und schneebedeckten Gipfeln. Es ist eine schöne Tradition, die wir hegen, eine weitverstreute Familie, die sich in unterschiedlichen Gegenden wiedersieht, und versucht, all die Geschichten und Erfahrungen auszutauschen, die in der Zwischenzeit vorgefallen sind. Wanderungen und Musiksessions, Ausflüge und Unterhaltungen über das Seelenleben und die Seltsamkeit der Weltgeschichte. Es war ein Zwischenstopp zwischen zwei Welten, ein Luftholen über den Wolken.
Denn von dort brachen mein Vater und ich auf, um an eine der äußersten Grenzen Europas zu fliegen. Dort, wo verzweifelte Menschen in Schlauchbooten landen, wo Frontex neue Fronten schafft und einige freiwillige Europäer versuchen, einen Gegenpol dazu zu schaffen, und die europäischen Werte auch in die Tat umzusetzen. Zu helfen, wo es eben nötig ist. Auf Lesbos.
Ab heute werden wir zwei von jenen Europäern sein.

Jesko & Micha