Auf den Gipfeln Europas

Auf den Gipfeln Europas

 

Weit unter mir umwabern Wolken die Weiden und Wiesen, dort, wo sich steile Schotterpisten zwischen freilaufenden Pferden und grasenden Stieren hinaufschlängeln. Hier, auf 1.300 Metern Höhe, sitze ich unter den Brana de los Tejos, tausend Jahre alten Bäume die ihre krummen Wurzeln in die Felsbrocken gezwängt haben; letztes Refugium der Kantabrier gegen die Römer, Heiligtum ihrer Vorfahren. Manche nennen es das Stonehenge Kantabriens, manche graben gleich daneben nach wertvollen Metallen (zumindest im letzten Jahrhundert). Und ja, irgendwie scheint es einem Kraft zu geben, hier zu sitzen, auf die weit in die Tiefe gehenden Gebirge der „Piques de Europa“ zu blicken und das tausend Jahre alte Holz zu spüren. Was macht einen Ort heilig? Die Tatsache, dass man von seiner angeblichen Heiligkeit gehört hat? Sicher, auch. Ob sich dieses Holz genauso anfühlt, weiß man nichts von seiner Vergangenheit, kann ich kaum sagen. Und doch, so anders als das Kloster von Santo Toribio, wo ich am nächsten Mittag ankommen werde – eine der vier großen Pilgersstätten der Christenheit, weil irgendjemand das angeblich größte Stück von Jesus Kreuz dorthin gebracht hat. Heute ist das wiederum in einem pompösen goldenen Kreuz verpackt, das wiederum in einer Kapelle liegt, die man nur in den heiligen Jahren (wenn der Tag des Santo Toribio auf einen Sonntag fällt) betreten kann. Man kann allerdings einen Euro in einen Automat stecken und dann geht immerhin das Licht an und eine 2-Minuten lange Aufnahme von Chorgesängen kommt aus den Lautsprechern. Sehr heilig hat sich das nicht angefühlt.

Was mache ich überhaupt in Santo Toribio und den Piques de Europa (Gipfel Europas)? Nun, in San Vincente de la Barquera stellte ich fest, dass von dort der separate, alte Pilgerweg nach Santo Toribio (wegen besagtem Kreuz-Stück) führt, mitten durch die ebenso besagten Berge. Da es in eine Richtung allerdings schon ca 70 Kilometer sind, hätte das doch einige Tage an Umweg gebraucht. Also, ja, habe ich ein bisschen geschummelt und mir ein Fahrrad geliehen. Ja, sogar noch in bisschen mehr geschummelt und ein E-Mountainbike geholt. Was, nebenbei gesagt, ziemlich Spaß macht zu fahren. Und ganz schön schwer ist, wie man feststellt, wenn auf halbem Weg auf den Tausendmeter-Berg die Batterie auf Null geht (Daher das schwitzen und fluchen), und die einzige Wasserstelle umringt von kritisch guckenden Stieren ist. Nach einer steilen Abfahrt, über Pfade, die mehr Steinansammlungen sind oder sich irgendwo in weiten Pferdewiesen verlieren, kam ich am Abend schließlich in Potes an. Aus der einfachen Fahrt mit mehreren Folgestunden freien Wanders, wie ich es mir vorgestellt hatte, war eine aufreibende, aber wunderbare Bergetappe geworden. Am morgen brach ich dann auf um von Santo Toribio enttäuscht zu werden und fuhr deshalb noch weiter nach Mogrovejo. Das Bergdorf (in dem man lustigerweise auch „Heidi“ gefilmt hat), hat nicht viel außer einem Schulmuseum und einem Turm, 500-jahre alte Häuser und den Ausblick auf die Gipfel Europas. Ob es ein abgeschnittenes Leben hier oben ist? Frage ich mich, dort wo bis vor einer Generation nur einmal im Jahr der Fotograf hoch kam um die Entwicklung der Schulkinder festzuhalten. Ein bisschen, lächelt ein Mädchen mit Smartphone in der Hand und geht einen Umschlag in den Briefkasten werfen. Es ist ruhig hier oben, und der Blick auf die Berge ein wenig wie von Brana de los Tejos. Vielleicht ein bisschen heilig.
Ich nehme mein elektrisch geladenes Fahrrad und fahre auf der asphaltierten, autobefahrenen Straße durch das (atemberaubend schöne) Tal des Deba zurück in die Stadt, und alles ist wie immer. Nichts ist wie immer.

ZUSAMMENFASSUNG: Tausendmeter Auffahrt zu einem womöglich irgendwie heiligen Ort unter tausendjährigen Bäumen in den Piques de Europa, ein deutlich weniger heiliger Pilgerort namens Santo Toribio, von den Vor- und Nachteilen eines E-Mountainbikes und ein kleines, von der Zeit vergessenes Dorf in den Bergen.

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