Resistance

Resistance

Auf dem Jakobsweg begegnet man allerlei merkwürdigen Personen: dem allwissenden Erzähler, der ohne Spanischkenntnisse ein Guidebook über den Camino del Norte schreiben will, dem Chemtrailer, der sich bei der ausgewiesenen Trinkwasserstelle fragt, ob die nicht (wie alle anderen Brunnen) vergiftet ist, und Resistánce. Resistánce ist ein Franzose, der natürlich eigentlich nicht Resistance heißt, aber niemandem seinen Namen verrät. In seinem Pilgerausweis sind die entsprechenden Felder leer (was regelmäßig zu Problemen mit den Herbergen führt). Auf dem Weg nach Santander verrät Resistánce mir ein Geheimnis: „Hinter Boo de Pilegalos gibt es eine Brücke, die direkt über den Rio Pas führt – da spart man sich einen 8 Kilometer langen Umweg über Landstraßen!“, weiß er. Das Problem an der Sache: es ist eine Eisenbahnbrücke, und eigentlich für Fußgänger gesperrt. „Aber das macht nichts, da ist ein breiter Eisenweg daneben“, meint Resistánce und geht dann eine vermeintliche Abkürzung nach Santander (woraufhin ich ihn bisher nicht wiedersah). Nachdem ich in Santander einen entspannten Nachmittag verbrachte, ziellos durch die Gassen schlenderte und in den Genuss von abwechslungsreicher, internationaler und biologischer Küche kam (etwas, wonach man sich nach einigen Tagen Salat und Patatas Bravas sehr sehnt) machte ich mich auf den (unspektakulären) Weg nach Boo de Pielagos. Und tatsächlich, da, wo der eigentliche Jakobsweg nach links weiter geht, führt eine schmale Piste zur Eisenbahnbrücke, direkt über den Rio Pas nach Miengo. Natürlich ging ich nicht den verbotenen Pfad auf der 100 Meter langen, höchst gefährlichen Brücke entlang. Wie es der Zufall wollte, kam ich trotzdem noch am frühen Nachmittag in Miengo an.*
Da es von Miengo bis nach Santilla del Mar trotzdem noch 20 Kilometer sind, bin ich noch ein bisschen rebellischer und schlafe in der Hängematte, irgendwo in einem Heckenbegrenzten Waldstück in der Nähe des Strand,  neben kuhglockenläuten und unter Laubkronenumrahmtem Sternenhimmel. Während mein in der Stranddusche  gewaschenes Wandershirt auf Salvador dem Wanderstab trocknet, verstehe ich ein bisschen, was Resistánce meint, wenn er vom „echten“ Weg redet: Jenseits reservierter Unterkünfte und klar markierter Straßen kommt man dem Gefühl des einsamen, Außenseiter-Pilgers einstiger Tage vielleicht ein bisschen näher. Nur eben mit Stranddusche.
(Und dann komme ich nach Santilla del Mar, was zwar sehr hübsch ist, aber mit seinen Touristenmassen das ganz schöne Gegenteil…)

*Und das geschah so: Just, nachdem ich zum offiziellen Jakobsweg zurückgekehrt war und mich des letzten Stückes Pfad entlang des Flusses freute, bevor es zur Landstraße ginge, tauchte Juan Milagro auf, ein breites Grinsen und einen Sack auf dem Rücken tragend. Ob ich rüber wolle, fragte er und ich bejahte. Er warf den Sack von seiner Schuiter und entpackte ein zwei-Personen-großes, faltbares Kanu. „Gute DDR-Qualität!“, sagte Juan Milagro während er das Gestänge zusammensteckte. Juan Milagro war 1981 aus ökonomischen Gründen aus Kuba nach Halle in das sozialistische Bruderland geflohen, wo er bald eine Stelle im ersten staatlichen Kanu-Verleih des Ostblocks an der Südschlaufe der Saale fand. Da man sich jedoch keine Lagerhalle für die wertvollen Sportboote leisten konnte, entwickelte Juan zusammen mit einem ostdeutschen Team ein zusammenfaltbares Kanu, das sie in Säcken zusammenpacken und zum lagern hoch in den Bäumen aufhängen konnten. „Nach der Wende wurde das natürlich abgebaut“, erzählt Juan schulterzuckend, während er mich gekonnt über die Stromschnellen des Rio Pas rudert. Als Andenken hat er dieses erste Exemplar mitgenommen und nutzt es bis heute. Am anderen Ufer springe ich an Land, ziehe meinen Rucksack hoch und will gerade in der Tasche nach ein paar Münzen für meinen Fährmann kramen, da ist Juan Milagro bereits wieder in der Mitte des Flusses. Mein „Dankeschön“ geht unter im ohrenbetäubenden Rattern des Zuges, der gerade über die neben mir liegende Zugbrücke fährt. Genau so und nicht anders bin ich über den Rio Pas nach Miengo gekommen.

2 thoughts on “Resistance

  1. Klingt tatsächlich abenteuerlich. Vom schlafen zwischen Bäumen und überqueren eines Flusses im faltbaren Kanu. Eine Portion Mut und jede Menge Glück gehört dazu. Wie ich schon sagte, das Kennenlernen von Menschen mit unterschiedlichsten Eigenschaften ist bei der Pilger Wanderung eines der bedeutendsten Erlebnisse. Halle an der Saale – etliche Kilometer entfernt davon, welcher Zufall oder besser welche Fügung.? Lieben Gruß von Nanni

    1. Ja, solch ein unwahrscheinlicher Zufall dass man es fast nicht glauben möchte. Wie bedauerlich dass ich auch kein Foto davon habe um den Wahrheitsgehalt zu bestätigen. 🙂
      Denn natürlich würde ich niemals über eine Brücke gehen auf der ein breiter Streifen zwar gangbar, aber mit einem roten Schild versehen ist…

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