Kojoten auf dem Muellberg

Kojoten auf dem Muellberg

Das Heulen der Kojoten beginnt mit der untergehenden Sonne vom Rande
des Waldes, nur kurze Rufe und nicht allzu nah, doch wir lauschen ein
bisschen angespannt in unserem Zelt auf ihr Verklingen. Als die Sonne
hinter den Catskills verschwand und es frisch wurde, verabschiedeten
wir uns von der Wanderin, die zufällig unseren Weg gekreuzt und für
einen angenehmen Abendplausch gesorgt hatte, und ließen die ins
sonnenuntergangsrot getauchte Müllhalde hinter dem verschlossenen
Reißverschluss unseres Zeltes zurück. Aber keine Angst: wir schlafen
nicht zwischen Autoreifen und Elektroschrott, sondern auf einem von
violetten Wildblumen überwachsenen, hügeligen Grasland, aus dem nur
vereinzelte weiße Rohre hinaufstaksen und von der Schrott-
Vergangenheit der Hügel zeugen. Wir sind keine 10 Minuten von der
Hochburg der Antiklädchen, Hudson, NY, entfernt, wo wir gestern Mittag
ankamen. Nachdem wir am Donnerstag vom Motel in Poughkeepsie
aufgebrochen waren, hatten wir eine gute Strecke bis zum Norrie
Nationalpark zurückgelegt und dort auf einem Campingplatz unser Lager
aufgeschlagen. Auch wenn die zurueckgelegte Strecke nicht so weit war, hatten wir recht lange gebraucht – beim Roosevelt-Haus hatte ich vorgeschlagen, einen Wanderweg abseits der lauten und vielbefahrenen Strasse zu nehmen, der ein Stueck parallel und hinunter bis zum Hudson ging. Das war zwar sehr schoen, aber leider nicht nur sehr bergig, sondern auch nur fuer Wanderer ausgelegt, und so wuchteten wir unsere Raeder durchs mueckengeplagte Land – zwischen Auto- und Wanderwegen liegt offenbar nicht so viel Moegliches. Entsprechend fertig waren wir auf dem Campingplatz, und froh, uns dort in Ruhe entspannen zu koennen und endlich unseren Kocher einzuweihen. Am Freitag machten wir uns ohne wirkliches Ziel auf den Weg, folgten der Strasse (und der ein oder anderen kleineren Route, zB in Rhinebeck, wo man tatsaechlich ernstzunehmende Radrouten auszuzeichnen in der Lage war) und erreichten schliesslich Tivoli, ein huebsches kleines Staedtchen, dessen Ende man schneller erreicht hatte, als es zuerst geschienen hatte. Da sich direkt an den Ort ein grosser Nationalpark anschloss, machten wir uns dorthin auf, um vielleicht einen Platz fuer unser Zelt zu finden. Nun, Plaetze haette es gegeben, legale leider nicht, und der Park wird zum Sonnenuntergang geschlossen. Da wir ausserdem schlauerweise keine Lebensmittel fuer ein Abendessen besorgt hatten, war die Aussicht auf eine dortige Nacht nicht so famos. Nach einigem Ueberlegen (zurueck nach Tivoli, doch hier bleiben und hungern?) entschlossen wir uns, noch ein kleines bisschen weiter zu fahren, etwa drei Meilen weiter sollte das Village mit dem uns beinah ironisch vorkommenden Namen Germantown kommen. Kam es auch, und es ist tatsaechlich von Deutschen gegruendet worden (es gibt „Ottos Groceries“), ist saubergeputzt und ordentlich wie das Klischee es will – und ein auesserst huebsches Hotel gab es auch. Das leider ausgebucht war. Der Besitzer war jedoch sehr zuvorkommend: unterrichtet ueber unsere Lage (und dass das Inn 5 Meilen suedlich nicht wirklich verlockend war) bot er an, dass wir im Garten des Hotels zelten koennten, und die Toiletten koennten wir selbstverstaendlich auch benutzen. Uebergluecklich schlugen wir unser Zelt auf, deckten uns bei Ottos mit den leckersten Veggi-Burgern ein die wir je hatten und sassen mit Bier im Garten des Hotels, den Blick auf eine weitlaeufige Wiese (nur ein Haus von der „Hauptstrasse“ entfernt).
Nachdem gestern dann der Weg leider wieder zurueck auf die grosse Route 9 fuehrte, fassten wir einen Entschluss: so machte das Radfahren schliesslich keinen Spass, wir wuerden in der naechsten Stadt, Hudson, eine Autovermietung suchen und zumindest das Stueck bis Saratoga Springs ueberspringen, um dann entspannter in den Adirondacks umher fahren zu koennen. Wir erreichten die Stadt just, als eine Gay Pride-Parade die Hauptstrasse hinablief, Alternative die Strassen bevoelkerten und sogar die oertlichen Kirchen ihre Akzeptanz zeigten. Kurzum, wir fuehlten uns wohl hier, und beschlossen, eine Nacht zu bleiben und dann unseren Autoplan zu verfolgen. Nachdem die Parade uns passiert hatte, fanden wir die einzige Autovermietung – die bereits fuer das Wochenende geschlossen hatte. Und zu allem Unglueck waren saemtliche Hotels und B&Bs ausgebucht, weil gerade eine grosse Hochzeit in der Stadt sei. Verzweifelt gingen wir an der Hauptstrasse zu einem Haus, von dessen Dach vorher bei der Parade ein paar gutgelaunte Menschen hinabgerufen hatten, wo wir hin unterwegs waren, und fragten, ob sie vielleicht einen Ort zum campen wuessten. Wussten sie, und das ueberfreundliche Maedchen mit Hut, das dort wohnt (und im Antikladen darunter arbeitet), schnappte sich kurzerhand ihr Rad und begleitete uns zu ebenjener ehemaligen Muellhalde, wo wir unsere letzte Nacht verbrachten. Aber damit nicht genug: als sie von unserem Plan hoerte, meinte sie: „nach Saratoga Springs, da kann ich euch morgen auch hinfahren, ich habe einen Fahrradtraeger“. Ob sie ohnehin dorthin fahre? Nein, aber das sei ja nur anderthalb Stunden mit dem Auto, wir sollten am naechsten Morgen vorbeikommen und unser Zeug dort abstellen, zum Nachmittag wuerden wir losfahren.
Nun, die Menschen sind eben gut, und das Maedchen mit Hut offenbar auch – jetzt sitzen wir in ihrer Wohnung, waehrend sie den Vormittag bei einer Baby Shower verbringt, und gleich freuen wir uns ueber eine auessert bequeme Fahrt weiter gen Norden ins schoene Saratoga Springs, wo wir planen, einen Tag Pause zu machen.

2 thoughts on “Kojoten auf dem Muellberg

  1. Na, habt ihr mehr Glück als Verstand oder wirklich gute und nette Leute um euch herum? Wollte der Hotelmensch kein Geld für die Nacht im Zelt in seinem Garten? Ich hatte deine nsms erhalten und dir zurück gemailt, da ich nicht wollte, dass du fürs simsen von mir auch Geld zahlen musst. Micha berichtete, dies sei nicht der Fall, so werd ich demnächst auch per sms antworten. Lieben Gruß und weiter trampeln- viel Kraft euch Beiden, wünscht Susanne- Nanni

    1. Es gibt einfach so viele gute Menschen… die Kette reisst nicht ab. 🙂 und nein, wollte er nicht. Solche Reisen bringen einem eine Menge Optimismus bzgl. des Guten im Menschen zurueck

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