Der Tag, an dem wir den Hudson und die Apalachen (fast) überquerten

Der Tag, an dem wir den Hudson und die Apalachen (fast) überquerten

Dieser eine Moment war mehr als genug Lohn für die Strecke des
gestrigen vormittags. Unsere vollbepackten Rennräder rasten 6
Kilometer am Stück abwärts, fraßen all die Höhenmeter auf, die wir
vor der Mittagspause auf dem 7-Lakes-Driveway erstritten hatten, und
plötzlich lichtete sich der Wald nach einer Kurve der abfallenden
Apalachen-Ausläufer und gab den Blick auf den mächtigen, breiten
Hudsonriver frei. Überwältigt von der Schönheit hielten wir inne,
Freudentränen in den Augen, aßen einen Müsliriegel und machten uns
dann weiter an die Abfahrt.
Aber ich habe ein bisschen Zeit übersprungen – wie sind wir da hin
gekommen?
Die letzten Tage in New York vergingen schnell, die Freiheitsstatur
schleust einen durch Menschenmassen von Schlangen und Security, und
den Abend gönnten wir uns „Bullets over Broadway“, ein Woody Allen
Musical (mit Zach Braff) am selbigen Broadway.
Am Montag packten wir dann unsere Sachen, dankten unsrem Host in
Montclair mit Früchten und Schokolade und verzweifelten, als wir
feststellten, dass nicht mal der Outdoorladen in Montclair
Gaskartuschen für unseren Kocher hatte, und schafften es schließlich
am Nachmittag zur Bahnstation Bay Street. Der Plan war, mit Umstieg in
Secaucus die Metrolinie bis Sloatsburg direkt hochzunehmen, und noch
am selben Tag in den dort anschließenden Nationalpark Richtung
Nordwesten zu radeln. Nun, auf der ersten Bahn nach Secaucus war das
kein Problem, die Schaffner staunten über unseren Plan, eine Drei-
Generationen-Passagiergruppe zählte sich zu den Believern unseres
Vorhabens und half uns an der Station, die Räder rauszuheben. In
Secaucus mussten wir jedoch feststellen, dass wir in die Peak-Hours
gekommen waren, in denen die Fahrradmitnahme nur in Ausnahmen (= leere
Züge) mitgenommen werden dürfen. Man müsse den Main Conductor fragen
– oder eben bis 8 warten, wenn die Peak Hour vorbei ist. Nach einigen
vergeblichen Versuchen, hin und her Rennen zwischen den Bahnsteigen
(was bei dem Lärm der vermutlich zwei Jahrhunderte alten Bahnen kein
Spaß war) ließ der Schaffner der letzten On-Peak Bahn (um 7) uns in
die Bahn. Der Schaffner im hinteren Teil der Zug war allerdings, was
man landläufig ein gebürtiges Arschloch nennt – ließ uns die Räder
samt Gepäck hochkant stapeln damit auch ja keiner beim
Durchgehen behindert würde, und gab uns nicht etwa vorher, sondern
erst an der Station Sloatsburg zu verstehen, dass unsere Tür nicht
öffnen würde und wir die Räder quer durchs Abteil quetschen müssten.
Nun, wir waren in Sloatsburg, und der Lärm der Metopolregion lag
hinter uns. Mit etwas Hilfe entschieden wir uns und fanden den 7-Lakes
Driveway, der uns gleich in den Nationalpark führte. Kaum einen
Kilometer im Park hatten wir bereits einen Reiher und zwei Rege aus
nächster Nähe gesichtet (bisher zum Glück noch keinen Bären). Da es
bereits dunkelte, stoppten wir nach 3 km am Visitor center und
schlugen unser Zelt auf. Nach New York und der Straße am Haus in
Montclair war diese Nacht großartig, wir hörten nur das Rauschen
eines Baches, in dem wir uns am nächsten Morgen wuschen und gewöhnten
uns langsam an die Lichter der Glühwürmchen.
Gestern dann der hügelige Weg durch den Park, dann überquerten wir
den Hudson auf einer imposanten Brücke und ärgerten uns sehr über
den folgenden „Biketrail“, eine abgewrackte Straße mit zu schmalem
Seitenstreifen und zu vielen Autos. Irgendwann wollten wir nur noch
runter und zur Metrostation Manitou, von wo wir bis Poughkeepsie
kommen wollten. Als wir sie schließlich gefunden hatten (die wohl
kleinste Bahnhaltestelle die ich je sah) fuhr der Zug einfach an uns
vorbei. Und dann waren wir in der pm Peak Hour und wir wussten ja was
das bedeutet. Also sahen wir uns nach einem Platz zum campen um,
fanden aber nur Privatgrundstücke. In unserer Verzweiflung klingelten
wir und fragten beim dritten Haus, wo man uns öffnete. Erst wollte der
Bewohner uns eine Empfehlung zum campen geben, mit Blick auf unsre
erschöpften Gesichter wies er uns den Weg in den erstaunlichen Garten
mit Blick auf den Hudson (bestes Grundstück Ever).
Um es kurz zu machen, das hier namentlich nicht erwähnte Paar (die
nebenbei gesagt die Schwiegereltern des Paypal-Gründers waren) ließ
uns nicht nur im Garten campen sondern boten uns Essen und Trinken an,
plauderten mit uns im Garten bei Blick auf den abendlichen Hudson und
bereiteten uns zum Morgen (zu Chilis Freude) einen Kaffee. Die
Gefallen die sie uns taten aufzuzählen, würden den Rahmen des Blogs
sprengen. Sie waren unsere Rettung.
Heute brachen wir dann nach einem gemütlichen Morgen und Bad im Hudson
River auf und erklommen den Berg zur Route 9 zurück, die noch ein
genauso beschissener Trail war wie zuvor. Entsprechend froh waren wir,
das gemütliche Cold Spring zu erreichen, und dort gar Gaskartuschen
für unseren Kocher zu bekommen – und kurz darauf die von freundlichen
Schaffnern bevölkerte Bahn, die uns nach Poughkeepsie brachte: eine
unspektakuläre, zu große Stadt, in der wir nur mit viel Mühe ein
Motel fanden (dessen Hotelier sich nach unserer Geschichte vom viel zu
hohen Preis um gut 40$ auf ein akzeptables Niveau runterhandeln ließ).
Da sind wir also nun, genießen Dusche und Bett und überlegen, wie wir
die kommende Strecke meistern werden. Es wird sicher anstrengend –
doch die Trails sollen Radfreundlicher werden. Wir werden sehen – aber
jetzt sind meine Finger lahm.

One thought on “Der Tag, an dem wir den Hudson und die Apalachen (fast) überquerten

  1. Oha, jaja, die Bahn- da gehts uns doch gut hier. Das war das möglicherweise, was die anderen meinten mit Amerika und Radfahren…- na, ihr habt ja dennoch stets Glück und nette Menschen auch noch um euch gehabt und – ich würde sagen „Schutzengel“ ebenfalls. Hoffe, dass ihr dennoch ein wenig Freude aneinander und am Radeln, am Blick in die Natur und dem Campen habt. Wie ich dich kenne, bist du so leicht nicht unterzukriegen. Und ich hoffe, S.- Chili ebenfalls nicht, sie hat ja auch schon einige Lande bereist und ist eher von der abenteuerlichen Art. Ich wünsche euch weiter viel Kraft und Mut, stets genug Möglichkeiten euch und die Natur zu genießen und viel Durchhaltevermögen; bis wir uns dann bald wieder sehen in Michigan. Hoffe, ihr seid dann an der Hochzeit nicht zu platt. G.b.y. Susanne-Nanni

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