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Schlagwort: reise

Kojoten auf dem Muellberg

Kojoten auf dem Muellberg

Das Heulen der Kojoten beginnt mit der untergehenden Sonne vom Rande
des Waldes, nur kurze Rufe und nicht allzu nah, doch wir lauschen ein
bisschen angespannt in unserem Zelt auf ihr Verklingen. Als die Sonne
hinter den Catskills verschwand und es frisch wurde, verabschiedeten
wir uns von der Wanderin, die zufällig unseren Weg gekreuzt und für
einen angenehmen Abendplausch gesorgt hatte, und ließen die ins
sonnenuntergangsrot getauchte Müllhalde hinter dem verschlossenen
Reißverschluss unseres Zeltes zurück. Aber keine Angst: wir schlafen
nicht zwischen Autoreifen und Elektroschrott, sondern auf einem von
violetten Wildblumen überwachsenen, hügeligen Grasland, aus dem nur
vereinzelte weiße Rohre hinaufstaksen und von der Schrott-
Vergangenheit der Hügel zeugen. Wir sind keine 10 Minuten von der
Hochburg der Antiklädchen, Hudson, NY, entfernt, wo wir gestern Mittag
ankamen. Nachdem wir am Donnerstag vom Motel in Poughkeepsie
aufgebrochen waren, hatten wir eine gute Strecke bis zum Norrie
Nationalpark zurückgelegt und dort auf einem Campingplatz unser Lager
aufgeschlagen. Auch wenn die zurueckgelegte Strecke nicht so weit war, hatten wir recht lange gebraucht – beim Roosevelt-Haus hatte ich vorgeschlagen, einen Wanderweg abseits der lauten und vielbefahrenen Strasse zu nehmen, der ein Stueck parallel und hinunter bis zum Hudson ging. Das war zwar sehr schoen, aber leider nicht nur sehr bergig, sondern auch nur fuer Wanderer ausgelegt, und so wuchteten wir unsere Raeder durchs mueckengeplagte Land – zwischen Auto- und Wanderwegen liegt offenbar nicht so viel Moegliches. Entsprechend fertig waren wir auf dem Campingplatz, und froh, uns dort in Ruhe entspannen zu koennen und endlich unseren Kocher einzuweihen. Am Freitag machten wir uns ohne wirkliches Ziel auf den Weg, folgten der Strasse (und der ein oder anderen kleineren Route, zB in Rhinebeck, wo man tatsaechlich ernstzunehmende Radrouten auszuzeichnen in der Lage war) und erreichten schliesslich Tivoli, ein huebsches kleines Staedtchen, dessen Ende man schneller erreicht hatte, als es zuerst geschienen hatte. Da sich direkt an den Ort ein grosser Nationalpark anschloss, machten wir uns dorthin auf, um vielleicht einen Platz fuer unser Zelt zu finden. Nun, Plaetze haette es gegeben, legale leider nicht, und der Park wird zum Sonnenuntergang geschlossen. Da wir ausserdem schlauerweise keine Lebensmittel fuer ein Abendessen besorgt hatten, war die Aussicht auf eine dortige Nacht nicht so famos. Nach einigem Ueberlegen (zurueck nach Tivoli, doch hier bleiben und hungern?) entschlossen wir uns, noch ein kleines bisschen weiter zu fahren, etwa drei Meilen weiter sollte das Village mit dem uns beinah ironisch vorkommenden Namen Germantown kommen. Kam es auch, und es ist tatsaechlich von Deutschen gegruendet worden (es gibt „Ottos Groceries“), ist saubergeputzt und ordentlich wie das Klischee es will – und ein auesserst huebsches Hotel gab es auch. Das leider ausgebucht war. Der Besitzer war jedoch sehr zuvorkommend: unterrichtet ueber unsere Lage (und dass das Inn 5 Meilen suedlich nicht wirklich verlockend war) bot er an, dass wir im Garten des Hotels zelten koennten, und die Toiletten koennten wir selbstverstaendlich auch benutzen. Uebergluecklich schlugen wir unser Zelt auf, deckten uns bei Ottos mit den leckersten Veggi-Burgern ein die wir je hatten und sassen mit Bier im Garten des Hotels, den Blick auf eine weitlaeufige Wiese (nur ein Haus von der „Hauptstrasse“ entfernt).
Nachdem gestern dann der Weg leider wieder zurueck auf die grosse Route 9 fuehrte, fassten wir einen Entschluss: so machte das Radfahren schliesslich keinen Spass, wir wuerden in der naechsten Stadt, Hudson, eine Autovermietung suchen und zumindest das Stueck bis Saratoga Springs ueberspringen, um dann entspannter in den Adirondacks umher fahren zu koennen. Wir erreichten die Stadt just, als eine Gay Pride-Parade die Hauptstrasse hinablief, Alternative die Strassen bevoelkerten und sogar die oertlichen Kirchen ihre Akzeptanz zeigten. Kurzum, wir fuehlten uns wohl hier, und beschlossen, eine Nacht zu bleiben und dann unseren Autoplan zu verfolgen. Nachdem die Parade uns passiert hatte, fanden wir die einzige Autovermietung – die bereits fuer das Wochenende geschlossen hatte. Und zu allem Unglueck waren saemtliche Hotels und B&Bs ausgebucht, weil gerade eine grosse Hochzeit in der Stadt sei. Verzweifelt gingen wir an der Hauptstrasse zu einem Haus, von dessen Dach vorher bei der Parade ein paar gutgelaunte Menschen hinabgerufen hatten, wo wir hin unterwegs waren, und fragten, ob sie vielleicht einen Ort zum campen wuessten. Wussten sie, und das ueberfreundliche Maedchen mit Hut, das dort wohnt (und im Antikladen darunter arbeitet), schnappte sich kurzerhand ihr Rad und begleitete uns zu ebenjener ehemaligen Muellhalde, wo wir unsere letzte Nacht verbrachten. Aber damit nicht genug: als sie von unserem Plan hoerte, meinte sie: „nach Saratoga Springs, da kann ich euch morgen auch hinfahren, ich habe einen Fahrradtraeger“. Ob sie ohnehin dorthin fahre? Nein, aber das sei ja nur anderthalb Stunden mit dem Auto, wir sollten am naechsten Morgen vorbeikommen und unser Zeug dort abstellen, zum Nachmittag wuerden wir losfahren.
Nun, die Menschen sind eben gut, und das Maedchen mit Hut offenbar auch – jetzt sitzen wir in ihrer Wohnung, waehrend sie den Vormittag bei einer Baby Shower verbringt, und gleich freuen wir uns ueber eine auessert bequeme Fahrt weiter gen Norden ins schoene Saratoga Springs, wo wir planen, einen Tag Pause zu machen.

Der Tag, an dem wir den Hudson und die Apalachen (fast) überquerten

Der Tag, an dem wir den Hudson und die Apalachen (fast) überquerten

Dieser eine Moment war mehr als genug Lohn für die Strecke des
gestrigen vormittags. Unsere vollbepackten Rennräder rasten 6
Kilometer am Stück abwärts, fraßen all die Höhenmeter auf, die wir
vor der Mittagspause auf dem 7-Lakes-Driveway erstritten hatten, und
plötzlich lichtete sich der Wald nach einer Kurve der abfallenden
Apalachen-Ausläufer und gab den Blick auf den mächtigen, breiten
Hudsonriver frei. Überwältigt von der Schönheit hielten wir inne,
Freudentränen in den Augen, aßen einen Müsliriegel und machten uns
dann weiter an die Abfahrt.
Aber ich habe ein bisschen Zeit übersprungen – wie sind wir da hin
gekommen?
Die letzten Tage in New York vergingen schnell, die Freiheitsstatur
schleust einen durch Menschenmassen von Schlangen und Security, und
den Abend gönnten wir uns „Bullets over Broadway“, ein Woody Allen
Musical (mit Zach Braff) am selbigen Broadway.
Am Montag packten wir dann unsere Sachen, dankten unsrem Host in
Montclair mit Früchten und Schokolade und verzweifelten, als wir
feststellten, dass nicht mal der Outdoorladen in Montclair
Gaskartuschen für unseren Kocher hatte, und schafften es schließlich
am Nachmittag zur Bahnstation Bay Street. Der Plan war, mit Umstieg in
Secaucus die Metrolinie bis Sloatsburg direkt hochzunehmen, und noch
am selben Tag in den dort anschließenden Nationalpark Richtung
Nordwesten zu radeln. Nun, auf der ersten Bahn nach Secaucus war das
kein Problem, die Schaffner staunten über unseren Plan, eine Drei-
Generationen-Passagiergruppe zählte sich zu den Believern unseres
Vorhabens und half uns an der Station, die Räder rauszuheben. In
Secaucus mussten wir jedoch feststellen, dass wir in die Peak-Hours
gekommen waren, in denen die Fahrradmitnahme nur in Ausnahmen (= leere
Züge) mitgenommen werden dürfen. Man müsse den Main Conductor fragen
– oder eben bis 8 warten, wenn die Peak Hour vorbei ist. Nach einigen
vergeblichen Versuchen, hin und her Rennen zwischen den Bahnsteigen
(was bei dem Lärm der vermutlich zwei Jahrhunderte alten Bahnen kein
Spaß war) ließ der Schaffner der letzten On-Peak Bahn (um 7) uns in
die Bahn. Der Schaffner im hinteren Teil der Zug war allerdings, was
man landläufig ein gebürtiges Arschloch nennt – ließ uns die Räder
samt Gepäck hochkant stapeln damit auch ja keiner beim
Durchgehen behindert würde, und gab uns nicht etwa vorher, sondern
erst an der Station Sloatsburg zu verstehen, dass unsere Tür nicht
öffnen würde und wir die Räder quer durchs Abteil quetschen müssten.
Nun, wir waren in Sloatsburg, und der Lärm der Metopolregion lag
hinter uns. Mit etwas Hilfe entschieden wir uns und fanden den 7-Lakes
Driveway, der uns gleich in den Nationalpark führte. Kaum einen
Kilometer im Park hatten wir bereits einen Reiher und zwei Rege aus
nächster Nähe gesichtet (bisher zum Glück noch keinen Bären). Da es
bereits dunkelte, stoppten wir nach 3 km am Visitor center und
schlugen unser Zelt auf. Nach New York und der Straße am Haus in
Montclair war diese Nacht großartig, wir hörten nur das Rauschen
eines Baches, in dem wir uns am nächsten Morgen wuschen und gewöhnten
uns langsam an die Lichter der Glühwürmchen.
Gestern dann der hügelige Weg durch den Park, dann überquerten wir
den Hudson auf einer imposanten Brücke und ärgerten uns sehr über
den folgenden „Biketrail“, eine abgewrackte Straße mit zu schmalem
Seitenstreifen und zu vielen Autos. Irgendwann wollten wir nur noch
runter und zur Metrostation Manitou, von wo wir bis Poughkeepsie
kommen wollten. Als wir sie schließlich gefunden hatten (die wohl
kleinste Bahnhaltestelle die ich je sah) fuhr der Zug einfach an uns
vorbei. Und dann waren wir in der pm Peak Hour und wir wussten ja was
das bedeutet. Also sahen wir uns nach einem Platz zum campen um,
fanden aber nur Privatgrundstücke. In unserer Verzweiflung klingelten
wir und fragten beim dritten Haus, wo man uns öffnete. Erst wollte der
Bewohner uns eine Empfehlung zum campen geben, mit Blick auf unsre
erschöpften Gesichter wies er uns den Weg in den erstaunlichen Garten
mit Blick auf den Hudson (bestes Grundstück Ever).
Um es kurz zu machen, das hier namentlich nicht erwähnte Paar (die
nebenbei gesagt die Schwiegereltern des Paypal-Gründers waren) ließ
uns nicht nur im Garten campen sondern boten uns Essen und Trinken an,
plauderten mit uns im Garten bei Blick auf den abendlichen Hudson und
bereiteten uns zum Morgen (zu Chilis Freude) einen Kaffee. Die
Gefallen die sie uns taten aufzuzählen, würden den Rahmen des Blogs
sprengen. Sie waren unsere Rettung.
Heute brachen wir dann nach einem gemütlichen Morgen und Bad im Hudson
River auf und erklommen den Berg zur Route 9 zurück, die noch ein
genauso beschissener Trail war wie zuvor. Entsprechend froh waren wir,
das gemütliche Cold Spring zu erreichen, und dort gar Gaskartuschen
für unseren Kocher zu bekommen – und kurz darauf die von freundlichen
Schaffnern bevölkerte Bahn, die uns nach Poughkeepsie brachte: eine
unspektakuläre, zu große Stadt, in der wir nur mit viel Mühe ein
Motel fanden (dessen Hotelier sich nach unserer Geschichte vom viel zu
hohen Preis um gut 40$ auf ein akzeptables Niveau runterhandeln ließ).
Da sind wir also nun, genießen Dusche und Bett und überlegen, wie wir
die kommende Strecke meistern werden. Es wird sicher anstrengend –
doch die Trails sollen Radfreundlicher werden. Wir werden sehen – aber
jetzt sind meine Finger lahm.

New York, New York

New York, New York

Wir sind auf einer tropischen Insel gelandet. Manhattan trieft,
Morgendliche Regenschauer verdrängen die Hitze nur kurz, und die
Temperaturen lassen sich nur noch steigern, wenn man in die von
Maschinenmonstern des letzten Jahrhunderts belebten U-Bahnschächte
absteigt.
So langwierig und unkomfortabel die tägliche Fahrt mit dem New Jersey
Transfer gen Penn Station New York auch ist, wir sind doch ganz froh,
zum Abend diesen menschenwuselnden Moloch hinter uns zu lassen und
nach Montclair zu fahren – einer kleinen, lebendigen Stadt mit
hübschen Kaffeehäusern und Parks, irgendwo zwischen Suburbia und
Kleinstadt, an der Peripherie der Metropole gelegen, wo unser
Couchsurfing Host wohnt, der sich aus dem Weg geht um uns ein paar
Tage Unterschlupf zu gewähren. Der Drehbuchautor mit schier
unendlichem Wortstrom versorgt uns nicht nur mit Anekdoten und
Wegbeschreibungen, sondern nahm uns vorgestern auch mit zu seinen
irischen Eltern: der pensionierte Vater repariert alte Fahrräder und
verschenkt sie an bedürftige Kinder in der Stadt, und hatte zufällig
gerade zwei hübsche Räder im Garten stehen, die er uns für 100$
überließ – wir werden sie, seiner Idee gemäß, in Toronto an Leute
verschenken, die sie gebrauchen könnten.
Die Zeit auf Manhattan (die anderen, riesigen Teile New Yorks haben
wir nicht mal ansatzweise erforscht) verbrachten wir mit:
– Sich wundern, wie viel Geld man für wie wenig Dinge ausgeben kann
– aufs Empire State Buildung hochfahren
– kaum 25% des gigantischen Central Parks durchstromern und da ein
Softeis für 7$ genießen
– in einer Ausstellung von Nathan Sawaya aus Legosteinen gebaute
Dinosaurierskelette bewundern
– wegen meiner Kartenlesefähigkeiten und einer U Bahn die so selten
kommt wie ein Landbus in Mecklenburg Vorpommern die Möglichkeit
verpassen, beim Nuyorican Poetry Slam auftreten
– New York cheesecake essen
– das Geflacker auf dem Time Square versuchen, irgendwie bewusst
wahrzunehmen
– auf einer stillgelegten Hochbahn-Trasse, der Highline, zwischen
Bäumen und Beeten spazieren
– eine Wette abschließen, wer mehr Selfies-schießende Menschen
fotografiert
– von Brooklyn aus über die gleichnamige Brücke gen Manhattan
Downtown laufen, auf Autos herab gucken und die Skyline vor sich sehen
– in einem gut versteckten Geschäft für Zaubereibedarf von einem
Verkäufer mit Kartentricks beeindruckt werden
– Viertel von New York sehen, die so gar nicht dem stereotypen Bild
der Stadt entsprechen
– Amerikanisches Bier trinken und unsrem Host deutsches Bier mitbringen
– zwei Tage auf unser von Lufthansa verschlamptes Gepäck warten und
dann ohne angebliche telefonische Vorwarnung um 6 Uhr früh aus dem
Bett geklingelt werden
– das WTC Memorial zwischen Baustellenzäunen hervorblitzen sehen
– von freundlichen Menschen ein Busticket ausgegeben bekommen weil wir
mal wieder vergaßen die Karte aufzuladen

Zweieinhalb Tage haben wir noch in dieser riesigen Stadt, die wir
damit natürlich nicht mal ansatzweise kennengelernt haben, aber dann
wollen unsere Fahrräder getestet werden. Mehr (und Fotos) folgen,
versprochen.

Ich packe meinen Koffer…

Ich packe meinen Koffer…

Irgendwann juckt es dich wieder, denn irgendwie hat man ja nie genug gesehen. Da ist man die letzten Monate mit einem Gedichtbuch und einer Reisetasche quer durchs Land gereist und hat sich geärgert, dass der Käse im Kühlschrank schon wieder verschimmelt ist, während man auf Tour war; hat sich gerade noch gefreut darüber, ein paar Tage am Stück im gleichen Bett zu schlafen. Und plötzlich findet man sich wieder, wie man andere Taschen packt, Isomatten flickt und sich den ersten Kompass seines Lebens kauft. Die Aufregung lässt mich unkontrolliert auf und ab hüpfen wie ein kleines Kind nach dem Schuhe putzen am 5. Dezember, während ich Zwischenmietverträge unterschreibe, als wäre ich jetzt ein richtiger Erwachsener. Schön, wenn man irgendwo dazwischen sein darf. Chili und ich werden morgen das wenige, was wir mitnehmen werden, in die begrenzten Taschen, die wir zur Verfügung haben, stopfen, um am Dienstag die Stadt unter uns kleiner werden zu sehen. Die schönsten Dinge in unserem Gepäck:

Ein Kompass
Ein frisch geflicktes Zelt
Kein Laptop
Ein Tachometer
Selbstgedruckte Landkarten
Vorfreude
Eine Handvoll Rezepte
Notizbuch samt Füller
Beinkleider für 4 Zwecke
und ein Reiseplan, der gebrochen werden will.

Das klingt mehr nach Wildnis, als es sein wird. Es wird: anstrengend, stereotypebestätigend und streitprovozierend, aber es wird auch: Schönheit, Antistereotyp und Bereicherung.
Ich werde, wann immer sich die Möglichkeit bietet, auch dieses Mal wieder mit Freuden davon berichten, und vielleicht schaffe ich es diesmal sogar, mich kürzer zu halten. Die nächsten zwei Monate werden spannend.
Erster Stopp: New York City.

Deutschland-Reise: München

Deutschland-Reise: München

„Kleines Dorf voll Schickeria“ und „Möchtegern-Metropole“, die Hauptstadt des Südens, um es mit der hier lebenden Künstlerin Fiva MC auszudrücken: München ist ein Mikrokosmos innerhalb Bayerns. Ähnlich wie in Berlin ist es hier gar nicht so einfach, gebürtige Münchner zu treffen, und man hört viele verschiedene Sprachen und eine große Vielfalt, doch zugleich immer wieder bayrischen Zungenschlag und Weißbier an jeder Ecke. Wir kamen bei meiner Tante Netti unter, die uns Sonntag Abend in Solln empfing, nachdem wir den frühen Abend noch durch die englischen Gärten spaziert waren. Ihre Gastfreundschaft ging erfreulicherweise weit über Schlafplatz und leckeres Essen hinaus – als wir am Montag morgen aufgrund Baustellen auf der S-Bahnstrecke später als geplant in der Innenstadt ankamen, begleitete sie die Stadttour, die wir besuchen wollten, bis wir eintrafen, um uns dorthin lotsen zu können. Die einzige während unserer ganzen Reise gemachte Stadtführung war es wirklich wert: schon aus Prag und Dublin kannte ich die NewEurope-Free Tours, ein tolles Konzept, bei dem Freelancer kostenlose Stadtführungen zu Fuß anbieten und nur vom anschließend gegebenen Trinkgeld leben. Entsprechend gut fiel auch hier die Führung durch Sonja aus, eine in Florida aufgewachsene Studentin mit deutschen Vorfahren, die uns in drei Stunden abwechselnd zahllose interessante Orte zeigte und amüsante historische Anekdoten erwähnte und an mehreren Stellen die dunkle Vergangenheit der nationalsozialistischen „Hauptstadt der Bewegung“ behandelte – auf sehr lobenswerte Weise, bei der auch der Münchner Widerstand berücksichtigt wurde, und die meist ausländischen Touristen auf die inzwischen stattfindende Vergangenheitsbewältigung der Deutschen hingewiesen wurde.Denkmal in München In der sogenannten Drückebergergasse konnten wir uns einer Gänsehaut nicht erwehren: Münchner, die an einer von den Nazis als Denkmal für (angeblich) 20 getötete „Revolutionäre“ nicht den Hitler-Gruß geben wollten, umgingen diese Stelle durch die kleine Gasse – selbst, als dort aufgestellte Wachen alle Passierenden kontrollierten und notierten, und jeder, der dort zum zweiten Mal hindurchging, mit harten Folgen rechnen musste. Ein goldener Streifen auf dem Kopfsteinpflaster erinnert an die Wiederständler – er endet abrupt in der Mitte der Gasse, wo die Wachen für das Verschwinden vieler dieser Menschen sorgten.

Blick aufs Neue Rathaus MünchenNach dieser so wärmstens zu empfehlenden Tour betrachteten wir noch die Stadt von oben (auf dem Turm der Marienkirche wurden wir mit fantastischer Aussicht belohnt) und aßen bayrische Landesküche, bevor wir nach einem kurzen Besuch des Königsplatzes zurück nach Solln fuhren. Nachdem ich noch meine ebenfalls dort wohnende Oma besucht hatte, gingen wir nach gemütlichem Essen mit Netti und einen Freund Torbens, der zufälligerweise ebenfalls in diesem Viertel wohnt, ein Bier trinken – Lorenz und Torben hatten sich letztes Jahr auf Kuba kennengelernt; und wir hatten einiges Interessantes zu erzählen. Am Dienstag nutzten wir den Vormittag vor unserer Abfahrt, um das jüdische Museum neben der ursprünglich anvisierten (aber geschlossenen) Synagoge zu besuchen, wo eine derzeitige Ausstellung die Rolle der Juden im deutschen Nachkriegsfernsehen betrachtete.
Und mit der Abfahrt wurde uns nochmals bewusst, was Sonja schon während der Führung erwähnte: in Deutschland wird wie in wenig anderen Ländern dafür gesorgt, nicht zu vergessen, was in der Vergangenheit geschah, so dass es ein natürlicher Teil unserer Deutschlandreise darstellt; und vielleicht sollten wir anfangen, uns nicht (nur) als Volk der Täter-Nachfahren zu sehen, sondern auch als Volk, dass Verantwortung übernimmt, verarbeitet, und 120 Denkmäler allein in München aufstellt, um sich dann zu fragen, ob das ausreicht. Das ist mehr als nur ein großer Schritt.

Der Archäologe in mir

Der Archäologe in mir

Der Himmel ist grau – du bist grade aufgewacht
Du weisst nicht genau – was man bei so ´nem Wetter nur macht
Doch du hast dieses Gefühl – bloss weils nicht regnet gilt das hier schon als prima
Denn es ist heute „nur“ kühl – der Himmel grau: willkommen in Lima!

Herzlich Willkommen in Lima: der Himmel ist grau. Und der Blick aus meinem Zimmer entsprechend tris – aber darauf war ich ja vorbereitet. Nachdem ich das ehrlicherweise nicht wirklich umwerfende Frühstück verzehrt habe, fängt um 9:00 mein Tag an (und das trotz Jetlag!). Rossna, die das Studentenhaus führt, in dem ich derzeit untergekommen bin, hat sich wie versprochen den halben Tag frei genmmen, um mir den Weg zur Uni etc. zu zeigen.
CollectivosAb der Straße „Bolivar“ nehmen wir dann auch den Bus – aber lasst euch nicht vom Begriff täuschen: das hat nichts mit unseren Bussn zu tun. Wir warten einfach an einer recht bliebigen Straßenecke und achten auf die bunten Minibusse, die auf uns zukommen. Sobald wir einen sehen, der auf der Seite bei seinen „Stationen“ die Straße „Universitaria“ stehen hat, heben wir die Hand und springen auf den wenige Sekunden haltenden „collectivo“ auf. Egal wie weit man mitfährt, zahlt man in der Regel S/ 1 (S/ = Nuevos Soles, 1? = ca. 3,5 S/ ), und wenn man wieder rauswill, spricht man den „Schaffner“ an, wenn er nicht gerade aus dem Fenster die kommenden Straßen schreit um Kundschaft zu werben. Wenn alles klappt, springt man wie wir bispielsweise 15 Minuten später an der Puerta Prinicap der Universidad Nacional de San Marcos ab. Praktischerweise befindet sich das Gebäude der Ciencias Sociales nur wenige hundert Meter vom Haupteingang entfernt, und so schauen wir erst mal dort vorbei. nach mehrerem Durchfragen landen wir bei Sr. Luna, der theoretisch für Angelegenheiten wie mich (an dieser Fakultät) zuständig ist. Theoretisch. Praktisch gesehen hat er aber erst am Mittwoch Zeit und meint außerdem, ich müsse erst zum Büro für internationale Angelegenheiten. Gut, dass wir da eh noch hinwollten.
Mit dem auch „burro“ genannten uniinternen Bus (mit tatsächlichen Haltestellen) kommen wir zur Seda Central, wo sich neben anderen Verwaltungsbüros auch das meiner Austauschverantwortlichen Sra Veronica Roldán-Flores befindet. Natürlich ist diese jedooch noch bis morgen in Urlaub. Ein ntter Herr, dessen Namen ich wieder vergessen habe, vertritt sie aber und erklärt mir u.a., dass mein „Tutor“ Dr. Hernán Amat Olazaval sein wird. Ich werde stutzig als ich feststelle, dass Olazaval Professor für Archäologie ist. Naja was solls, Archäologie und Soziologie – alles das Gleiche! Und überhaupt ist er ja nur der Tutor, und die beiden bereiche sind ja auch an der gleichen Fakultät angesiedelt. Macht ja alles nichts. Nur, dass sich hrausstellt, dass ich ich tatsächlich für die Archäologie eingschrieben worden bin. Was mein hallesches Prüfungsamt wohl davon halten würde? Wie auch immer, das Ganze liegt offenbar daran, dass ich in minem Motivationsschreiben mein Interesse für präkolumbianische Hochkulturen erwähnt habe. Und das ist natürlich Archäologie.
Inka-Cola!Dass das mein Privatinteresse und lediglich Grund für die Wahl Perus als Aufenthaltsort war; und dass ich bereits drei soziologische Veranstaltungen ausgewählt habe, die ich hier studieren will, ist wohl irgendwie untergegangen. Mal sehen, ob sich das klären lässt, wenn Veronica wieder da ist, oder ob ich von jetzt an Archäologe bin… Eine Steckdose und ein Konverterstecker... kleine Differenzen?

Im weiteren Verlauf des Tages kaufe und trinke ich außerdem meine erste Inka-Cola (schmeckt wie gelber Gummibärchen-HubbaBubba und hat wahrscheinlich nichts außer dem Namen mit den Inka zu tun) und unterhalte mich mit Nikolas; einem Franzosen, der auch hier wohnt und mir ein paar hilfreiche Tipps für meinen kommenden Trip geben kann, da er selbst gerade in Cusco und Arequipa war.

Ach übrigens, habt ihr euch schon mal gefragt, wie sich ein Stromknverter anhört, der in die falsche Steckdose gesteckt wird? Okay, ich eigentlich auch nicht. Jetzt weiß ich es trotzdem: P'(u)fffffffff. Zur Erklärung, siehe das Bild. eigentlich recht offensichtlich, dass das nicht passt. Nicht für mich. Immerhin ist das Gerät laut Verkäufer ein Konverter für US-Steckdosen, und diese sind laut diversen Bekannten und Perureisenden die gleichen wie in Peru. Also Abdeckung der Steckdose abgenommen, und siehe da, der runde Stutzen steckt dann einfach im Leeren neben der Dose. Surrt nur komisch und wenige Sekunden nach Einstecken des Laptop-Ladekabels in den Konverter: P'(u)fffffffff. Naja, das Netbook hat sowieso gerade ständig ’nen Whitescreen, so dass ich ihn dauernt neustarten muss. Schadet also kaum, und dann hab ich eben auf meinem Arequipa-Cusco-Trip weniger Gepäck ;). Doof nur, dass meine Kamerabatterien irgendwann aufgeladen werden wollen. Bis dahin muss ich mir wohl eine Notlösung einfallen lassen.

In der Zwischenzeit habe ich mir schonmal die verschiedenen Busgesellschaften angesehen, die nach Arequipa fahren, und nebenbei ein bisschen von Lima Centro gesehen… und bin froh, stattdessen in einer ruhigen Nachbarschaft in Pueblo Libre untergekommen zu sein, die nicht laut ist, stinkt, uind so viel befahren ist, dass man beim Strasse überqueren an St. Petersburg denken muss.

2.8.2010, Lima