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Schlagwort: Kultur

Wie soll man helfen.

Wie soll man helfen.

Ein Aufenthalt in Lateinamerika ist kaum möglich, ohne früher oder später der Armut über den Weg zu laufen. Obdachlose in den Straßen sind allgegenwärtig. Gestohlen oder geraubt wird immer noch häufig in einsamen nächtlichen Straßen (als Jordan in Medellin war, wurden wir an einer Straßenkreuzung von zwei Motorradfahrern bestohlen, die anhielten, Jordan eine um den Hals getragene Kette vom Hals rissen und schnell fortfuhren). Gebettelt wird überall, wo Leute sind – oft nur um wenige hundert Pesos (ein paar Cent), ob für die nächste Empanada oder einen Aguardiente, wer weiß das schon. Einmal bat mich abends in der Candelaria Bogotas ein Mann um ein paar Pesos („ich bettel lieber, als zu klauen“). Ich antwortete, dass ich kein Kleingeld habe, was stimmte, worauf er meinte, dann könne ich ihm vielleicht am unteren Ende der Straße etwas zu Essen kaufen. Nun, da kann ich mir auf jeden Fall sicher sein, dass es auch wirklich um Essen geht, dachte ich mir, ging mit ihm zwei Blöcke weiter und kaufte ihm ein Stück Pizza für 2000 Pesos. So weit, so gut, doch anschließend fragte er, ob ich nicht noch 200 Pesos für eine Empanada hätte. Hatte ich erstens tatsächlich nicht (weil ich mit einem 2000-Schein bezahlt hatte), und fand ich zweitens etwas merkwürdig. Versuchte er nur, noch etwas mehr von einem offensichtlich spendablen Passanten zu bekommen, oder würde das Bargeld nicht lieber in Drogen investiert werden? – man kann es nie wissen. Und Spenden auf der Straße ist auch keine wirklich langfristige Hilfe. Und dann überlegt man sich, ob man nicht einfach weitergehen sollte, so wie Victor, der als 12-Jähriger ausgeraubt wurde, nachdem er einem Bettelnden versprochen hatte, etwas mehr Geld von zuhause zu holen. Und dann sieht man Obdachlose, die in Kleiderfetzen auf den Bürgersteigen neben den luftverpesteten Straßen schlafen, und weiß nicht, wer nicht arbeiten kann, und wer nicht will. Ich schrieb schon nach meinem letzten Aufenthalt im Text „Weißer Nebel“ „Doch was kann ich schon tun, außer spenden und Texte schreiben“… man fühlt sich manchmal so hilflos, als könnte man nichts tun, um dieses zum Teil von uns mitverantwortete Elend zu bekämpfen. Das ist natürlich falsch. Man kann etwas tun. Auch abgesehen von Spenden, nicht unbedingt an einzelne Bettler, sondern an Organisationen wie Un Techo para mi país („Ein Dach für mein Land“, die armen Familien in Lateinamerika helfen, sich eine stabile Unterkunft bauen zu können) oder vergleichbare Organisationen. Mikrokredite sind eine andere Möglichkeit, durch welche viele Menschen aus der Armut entfliehen können, und man selbst nicht einmal sein Geld „verschenken“ muss, sondern es meist wiederbekommt. Ich bin noch auf der Suche nach der perfekten Mikrokredit-Organisation (mit dem geringsten Zinssatz für die Kreditnehmer und einer Vergabe auch an wirklich arme Menschen) – bis dahin habe ich mit kiva.org schonmal eine sehr Gute gefunden, die ich euch auch ans Herz legen möchte. 25$ sind nicht mal 20€, die ihr wahrscheinlich auch wieder zurückbekommt, und in der Zwischenzeit ist einem Menschen und seiner/ihrer Familie am anderen Ende der Welt damit mehr geholfen, als wir uns mit 20€ vorstellen könnten. Zeit, seine Aktien an der Börse zu verkaufen, und das Geld in etwas Sinnvolles zu stecken.

Medellin wiederentdeckt

Medellin wiederentdeckt

Ich hatte ein wenig vergessen, a) was ich an Medellin mag, und b) was ich an Medellin nicht mag. a) Die Kultur, Wissenschaft, künstlerische Vielfalt, b) die Luftverschmutzung. Beides habe ich heute nochmals eindeutig mitbekommen.
Gestern Abend kam Jordan, eine Freundin aus den USA, hier in Medellin an, und wird bis zum 11. Oktober hier zusammen mit mir Kolumbien bereisen. Heute machten wir uns also auf, all diese Orte in Medellin zu sehen, die ich entweder schon im Januar sah, oder über die letzten Wochen verteilt besuchte, so dass es für mich eine Art Neuentdeckung war. Und da wir zu Fuß unterwegs waren, wurde mir eben auch der Punkt b) wieder deutlich.
Auf unserer langen Stadtwanderung schaffte ich es unter anderem, Jordan Eintritt auf den Unicampus zu beschaffen (was ja, wie erwähnt, gar nicht so leicht ist), zeigte ihr den Botanischen Garten und die verschiedenen Plätze – Plaza de los Pes descalzos (der Barfußpark, wo wir uns natürlich auch unserer Schuhe entledigten), Plaza de las luces (Platz der Lichter), Plaza Botero (wo der Paisa-Künstler mittels seiner übergewichtigen Skulpturen geehrt wird), Plaza Bolivar (gewidmet dem lateinamerikanischen Befreier) und Plaza de los Deseos (Platz der Wünsche, wo wir auch zu meiner Überraschung in einem der dort stehenden Gebäude eine „Casa de la Musica“ fanden, und dank einer kleinen kostenlosen Führung erfahren durften, dass hier ein ehemaliges, kaum genutztes Parkhaus in eine Ansammlung von Probesälen für Orchester und Musikgruppen verwandelt wurde, wo unter anderen auch das Symphonieorchester der Universidad de Antioquia gerade probte).
Wir schauten beim alten Bahnhof und der neuen Stadtverwaltung vorbei, aßen Straßenessen und tranken frischgepressten Saft, und nach einer Odyssee durch komplizierte Straßenführungen und Abgase gelangten wir auf den Cerro Nutibara, wo im „Pueblito Paisa“ ein „typisches“ antioquiensisches Dorf aufgebaut wurde, um die Großstädter an ihre Wurzeln zu erinnern.
Das alles war sehr viel Fußweg, und nach einer Erfrischung im „Café Malaga“ zu Schallplattenmusik von spanischsprachigen Opern aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts konnten unsere Füße einfach nicht weiter als in meine Unterkunft zurückkehren. Aber hey, wenn einem die Füße wehtun, hat man meistens einen guten Tag gehabt, und was will man mehr?
Abends gingen wir dann, wo unsere Füße ja nun eh schon strapaziert waren, in die Carrera 70, wo wir im als herausragende Salsa-Bar bekannten „Tibiri“ tanzen gehen wollten. Leider war in selbigem überhaupt nichts los, und nachdem wir eine Weile in einer anderen Bar zurückkehrten, war es gar geschlossen. Also blieben wir in dieser anderen Bar, wo inzwischen ausgiebig getanzt wurde, und gesellten uns zu einer Gruppe Costeño-Studenten, die zur Zeit in Medellin auf einem Ausflug waren. Viel getanzt (gut), zu viel kostenlose Aguadiente-shots bekommen (nicht gut, zumindest nicht mehr heute 🙂 ). Aber trotzdem diszipliniert um 9 Uhr aufgestanden, um uns gleich aufzumachen in den Parque Arví.
Hier auf Jordans Blog gibt es übrigens auch noch mehr: Jordanecdotes
PS: Fotos hochladen funktioniert grade nicht… wird dann wohl nachgeholt

Siempre adelante! Ni un paso atrás!

Siempre adelante! Ni un paso atrás!

„Siempre adelante! Ni un paso atras!“ – diesen Satz habe ich oft gehört die letzten Tage. „Immer vorwärts! Nicht einen Schritt zurück!“ rufen Byron oder Nicolás, meine beiden Mitbewohner, manchmal unvermittelt, wenn sie überraschen in den Raum kommen. Die Sozialisten. 🙂 Sie sind auf jeden Fall beide sehr umgängliche Mitbewohner, und ich bin sehr froh, dass ich hier gelandet bin. Inzwischen hat mein Zimmer ja auch eine Tür, da gibt es kaum was, was mir fehlen würde. Am Freitag gingen wir auch zusammen mit zwei Freundinnen abends weg, da wir ja hier direkt am Studentenblock sind, fehlt es nicht an alternativen Bars, in denen wir die Zeit totschlugen, und dann Byron überraschenderweise zu Mitternacht eine Geburtstagstorte bei uns zuhause präsentierten – er hat eigentlich erst heute Geburtstag. Aber das macht ja nichts. Freitag lässt sich schließlich besser feiern.
Zusammen mit Jessica, der Couchsurferin, bei der ich im Januar nächtigte und die mir die Wohnung hier überhaupt erst vermittelte, habe ich so schon einen kleinen Freundeskreis zusammen, obwohl ich die letzten Tage oft zeitig in die Bibliothek ging und so lange blieb wie möglich, da ich noch immer keine dauerhafte Zugangsberechtigung auf den Campus habe, und jedes mal die Sicherheitsleute am Eingang aufs Neue davon überzeugen muss, dass das sehr wichtig ist was ich hier mache. Gerade eben waren wir auf der Feria del Libro y de la Cultura, eine kulturelle Veranstaltung im botanischen Garten, die die ganzen nächsten zwei Wochen andauern wird (Mehr dazu später). Und heute Vormittag war Gleitschirmfliegen mit Byron angesagt. Das jedoch lief leider nicht so gut wie geplant. Während Byron und eine Freundin, die mit mir zusammen zum nahegelegenen Flugplatz bei San Felix gefahren waren, noch länger als ich auf ihren Tandempiloten warteten, und wegen des schlechten Wetters gar nicht erst losflogen, bekam ich „schon“ um 2 Uhr (nach fast zwei Stunden warten 😉 ) meinen Schirm und konnte losfliegen. Leider nicht sehr lange. Pech mit der Thermik, ein erstaunlicherweise völlig abstinenter Hangaufwind in Kombination mit einem recht hoch gelegenen Landeplatz führten dazu, dass ich schneller tiefer flog als selbiger zu finden gewesen wäre, und auch nicht mehr auf die Höhe zurückkam. Notlanden nach recht kurzer Flugzeit auf einer glücklicherweise ausreichend großen Grünfläche eines Angelpärkchens für wohlhabendere Mitbürger war angesagt, wo ich immerhin nett empfangen wurde. Nach diversen Kommunikationen holte mich ein Cousin eines der Piloten dort ab und ließ mich im Vorort Santa Ana an der Schule raus, wo laut Absprache mit dem Piloten (dessen Gleitschirm ich hatte) selbiger mich wiederum nach oben abholen sollte. Aus den angeblichen 20 Minuten wurde schnell über eine Stunde. In einem Internetcafe fand ich schließlich seine Nummer raus und rief ihn an, woraufhin er meinte, da es dort regnete, wäre das mit dem Herunterkommen irgendwie nicht machbar. (Fragt nicht.) Meine bezahlten zwei Stunden waren natürlich inzwischen auch vorbei. Megaklasse. Und so habe ich jetzt einen Gleitschirm bei mir zuhause im Flur stehen, den er wohl irgendwann die Woche abholen wird. Wenn nicht, ist das ja auch nicht mehr mein Problem. Ärgerlich war dieser Tag natürlich entsprechend schon irgendwie… vor allem was Zeit- und Geldverschwendung betrifft. Aber was solls. Kann ja nicht immer alles gut gehen. Meinen nächsten freien Tag werde ich sicherlich sinnvoller verbringen. Aber jetzt gehts erstmal wieder ans fleißig sein – sofern ich morgen in die Bibliothek komme…

Unser Wohnraum Mein Zimmer Medellin bei Nacht. Schon wieder Parque Botero Byrons Geburtstag San Felix Flugplatz

Die Anziehungskraft eines Kontinents

Die Anziehungskraft eines Kontinents

Kaum hätte ich vor inzwischen über einem Jahr gedacht, als ich im peruanischen Lima eintraf, die wahrscheinlich acht aufregendsten Monate meines Lebens vor mir, dass ich schon im September 2011 erneut der Anziehungskraft dieses Kontinents erliege. Auf meiner Reise von Peru gen Norden verbrachte ich unter anderem einen Monat in Kolumbien, von Cali bis Cartagena reisend, und alles brannte sich in mein Gedächtnis ein. Dieses faszinierende Land, in dem ein Ausländer noch ein unerwarteter Reisender ist, dem man seine Heimatstadt zeigen muss, in dem Landschaft, Städte und Menschen ihr Bestes tun, um gegen die einzige Verbindung anzukämpfen, die den meisten Ausländern zu ihrem Land noch immer einfällt – wie oft hörte ich in den letzten Wochen als erste Reaktion auf die Benennung meines Reiseziels das Wort Kokain, den Drogenkrieg, die FARC – ich kann nur ahnen, wie die Kolumbianer selbst mit diesem Fremdbild zu kämpfen haben. Nun, ich fahre für keinen dieser Gründe nach Kolumbien, in dem ich mich übrigens auch kein Stück unsicherer gefühlt habe als in jedem anderen lateinamerikanischen Land. Jeder Kolumbien-reisende wird die Anziehungskraft dieses Landes bestätigen können, ganz zu schweigen, dass ich mich auch auf die ganz „normalen“ lateinamerikanischen Eigenheiten freue: unkontrolliertes Salsa-tanzen, frischen Guanabanasaft und frittiertes Straßenessen, Reggaeton-Musik in jedem überfüllten Minibus und diese unberechenbare Spontaneität. Dafür nimmt man auch die zu erwartenden Schwierigkeiten in Kauf, die natürlich ebenso zum dortigen Leben gehören wie alles andere. Mein tatsächlicher Hauptgrund (neben der Begeisterung für Kolumbien) ist allerdings ein wissenschaftlicher: Ich werde sieben Wochen lang die Erhebungen für meine soziologische Bachelor-Abschlussarbeit durchführen, Interviews führen, Zeitungen durchsuchen und mich mit der fremden Kreolsprache Palenquero beschäftigen, um anschließend in meiner Arbeit über das Selbst- und Fremdbild der Afrokolumbianer schreiben zu können. Ich bin sehr gespannt was mich da erwarten wird. Entsprechend wird es vielleicht auch nicht wieder alle paar Tage einen Blogeintrag geben, da ich mich gerade in den ersten vier Wochen hauptsächlich in Medellín meinen Forschungen widmen werde. Dann werde ich jedoch natürlich auch die Gelegenheit nutzen und nochmal ein wenig reisen, wenn auch nicht allzu viel. Wohin? Pah, lasst euch überraschen. Ihr werdet es hier lesen.
Am Dienstag früh geht es nun also los. Und dabei hatte ich die ganze Zeit Mittwoch im Kopf. Aber nein, der 6., das ist ja schon am Dienstag. Vom Haus meiner Eltern werde ich nun also noch früher als gedacht nach Frankfurt aufbrechen, und dann gute 20 Stunden um den Globus gen Kolumbien fliegen, wie ein hochgeworfener Ball immer wieder zur Erde zurückfällt, zieht es mich wieder nach Lateinamerika.
Colombia.

Reisefaul?

Reisefaul?

Treiben lassen in Boquete
Die Zeit treibt vor sich hin und es ist leicht, den Überblick zu verlieren. Wie lange bin ich jetzt schon wieder in Boquete? Untergekommen im sehr zu empfehlenen Mamallena, bin ich hier wieder zur Ruhe gekommen, im angenehmen Klima und umgeben von sympathischen Leuten, in einem Ort den ich bereits kenne… das habe ich gebraucht. Habe auch nicht viel unternommen – ein kleiner lokaler Markt, der Garten Mi jardin es tu jardin„mi jardin es tu jardin“ und zusammen mit den beiden Hallenserinnen die ich in Santa Fe getroffen hatte nochmal zu den Calderas-Thermen gefahren (die immer noch ein absolut toller Ort sind). Ansonsten verbrachte ich viel Zeit damit, diverse Sachen für meine Rückkehr nach Deutschland zu planen, für die Uni, für Poetry Slams und meinen Job, und die T-Shirts zu bemalen, die ich mir in Panama-Stadt geholt hatte. Letzteres begeisterte ein paar Leute im Hostel so sehr, dass ich nebenbei noch drei Caps als Auftragsarbeiten annahm und dadurch für meine Zeit in Boquete mit Rum und Massagen versorgt wurde. Es fällt leicht, hier hängen zu bleiben, jeder Tag geht so gut rum, viele Gespräche mit den anderen Leuten hier, und ich würde gerne noch länger bleiben, im Konflikt zwischen „wenigstens noch ein bisschen Costa Rica sehen“ und das hier geniessen…
Pucha-huevon Shirtpues si shirtchevere-shirtcap1cap2cap3

17.03.2011, Boquete, Panama

San Jose oder die zwanghafte Suche nach dem Authentischen
Wendys Fastfood in San JoseUS-amerikanischer geht es wahrscheinlich gar nicht mehr. Wenn Mittelamerika mit schon so übermässig vom grossen Nachbarn beeinfluss schien, San Jose ist die absolute Zuspitzung: neue, grosse Autos, fastfood-Ketten an jeder Strassenecke, Autohändler, Diners, riesige Werbeplakate, Surferklamotten-Shops… und der so „typisch“ Tica-Ausruf „Pura Vida“ (pures Leben) ist auch nichts anderes als das Pursuit of hapiness und den american way of life. Ich bin ja inzwischen das dritte Mal hier (die ersten beiden Male jedoch mehr als Durchreiseort denn als Ziel), und trotzdem erschreckt dieses Stück Staaten in Lateinamerika noch, die Preise, die Atmosphäre und irgendwie auch die Menschen, und ich fühle mich hier längst nicht so wohl wie in all den lateinamerikanischen Städten, in denen ich auf meiner Reise war – und das obwohl ich vor einigen Jahren einen Schüleraustausch in den USA gemacht hatte und so dieser Kultur gar nicht mal von Grund auf abgeneigt bin… das Problem ist die Authentik. Der Dr. Sparen!Der reisende Backpaccker ebenso wie der Kulturwissenschaftler in mir schreien „das ist doch nicht Lateinamerika“, sondern eine übergestülpte Kulturvorstellung. Auf der anderen Seite ist diese Jultur hier im Zusammenhang mit dem Lebensstandard zu sehen, der hier zweifellos um einiges höher ist als im Rest Lateinamerikas (ausser vielleicht Argentinien) – Costa Rica gilt als die Schweiz Lateinamerikas, und an wenigen Orten des Kontinents geht es den Menschen aus ökonomischer Sicht so gut wie in San Jose.

Ist es nicht irgendwie egoistisch, dies alles zu kritisieren, bloss weil einem selbst dadurch dieses romantische Authentische fehlt, dass wir reisenden Europäer so zwanghaft auf der ganzen Welt suchen? Dieses verherrlichte Natürliche, dass wir bei uns nicht mehr kennen und deshalb hoffen, in den armen Regionen der Welt zu finden? – mal noch auf unmerklich-harmlose Weise, wenn wir uns freuen, statt im Hostel bei einer regionalen Familie untergekommen zu sein und so ihr „natürliches“ Leben mitbekommen, mal in hässlich deutlicher Weise, wenn sich Touris mit ihrer Spiegelreflexkamera vor kleine Kinder in traditioneller Kleidung stellen und sie postkartenreif ablichten, ohne ihnen wenigstens die Armbänder abzukaufen, welche sie für lächerlich geringe Preise verkaufen, um immerhin etwas Einkommen zur Familie beizutragen – der Zooeffekt. Und währenddessen blicken wir abschätzig auf die Pauschaltouristen, die sich im überteuerten Hotel einquartieren und gar nichts vom „eigentlichen“ Land mitkriegen – was richtig sein mag, aber dafür gentrifizieren sie wenigstens nur ihre Strandressort-Küstenstreifen und dringen nicht immer weiter ins abgelegene Inland vor, auf der Suche nach dem Geheimtipp, diesem unentdeckten Ort, den wir dann so vielen anderen backpackern weiterempfehlen, dass sich bald dort auch ein Backpacker-Hostel mit Wi-Fi, Pancake-Frühstück und Innenhofpool findet. Die Parallele zur üblichen Gentrifizierung innerhalb von Städten ist auffällig: ob Berlin, Hamburg oder New York, es läuft immer gleich: die KünstlerInnen und Alternativen ziehen in Gegenden, wo der Lebensstandart niedrig ist (aus finanziellen Gründen ebenso wie aufgrund der „Authentik“), ermöglichen eine gewisse Infrastruktur und locken durch ihreCoolness die Leute an, die was ähnliches im Kopf, aber sehr viel mehr im Geldbeutel haben… bis die ursprünglichen Bewohner sich ihre eigenen Wohnungen nicht mehr leisten können und in abgelegene Orte abgedrängt werden. Im Reise-äquivalent übernehmen wir Individualreisenden die Rolle der Künstler – und individual sind wir dabei selbst auch oft nicht mehr, wenn wir alle unsere Reisepläne dem gleichen Lonely Planet entnehmen….

18.03.11, San Jose, Costa Rica

Moderne Kunst / Wie verbringt man den Tag in einer langweiligen Stadt?
Streetart San JoseDass ich an San Jose wenig finde, habe ich ja bereits festgehalten. Das Theater San JoseEines muss man der Stadt jedoch lassen: sie ist ein gefüllter Pool (moderner) Kultur! Gestern durch die Stadt geschlendert und dabei nicht nur ein paar neue Parks entdeckt (mit moderner Kunst verziert), sondern auch das Museum für moderne Kunst und Design (recht interessant) und Subkulturen vom feinsten: beim Pavillon de la musica eine Gruppe Gothiks in vollem Kostüm, die zu Gothik-Elektro tanzten, Inoffizieller Versammlungsort aller Musiker ;) in der Fussgängerzone dann einen christlichen Rapper… wär ich abends nicht so faul gewesen, hätte ich sicher noch mehr dort sehen können.
Heute wurde es dann weniger spannend:
Ich weiss ja nicht ob es an mir liegt, der Reiseüberdrüssigkeit, dem zu-viel-gesehen-Syndrom… aber Heredia wirkte nicht mal halb so interessant wie im Lonely Planet beschrieben . und selbst da ist der Stadt nur wenig Platz gewidmet. Da ich aber ja meine Zeit irgendwie nutzen wollte und von „kolonialem Altstadtflair“ die Rede war, stand ich extra früh auf, um zum Bahnhof zu laufen, von welchem es bis 8 Uhr einen Zug nach Heredia gibt… ja wirklich, ein normaler Zug! – So normal nur dann leider doch nicht: fährt nämlich nur wochentags. Ein weiterer Abschnitt in der Liste „Jesko versucht in Lateinamerika Bahn zu fahren“… also den Bus genommen und erstaunlich schnell angekommen (sind ja auch nur 11 km) – doch den Kolonialflair suchte ich vergebens. Heredias KathedraleEs dauerte eine Weile, bis ich überhaupt die Plaza gefunden hatte, deren Kathedrale und der alte spanische Festungsturm an der Nordseite dann auch wirklich das Einzige sind, was etwas von diesem Flair hätte.Der spanische Turm Wahrscheinliich ist das für Costa Rica schon viel, und ich sollte nicht solche Altstadt-Giganten wie Cartagena, Quito und Cusco als Massstab nehmen. Man wird anspruchsvoll, wenn man so tolle Orte gesehen hat. Ich langweilte mich schnell, denn es gibt dort noch weniger zu tun als in San Jose, weshalb ich dorthin zurückfuhr, noch ein wenig durch die Stadt schlenderte und in der Hängematte entspannte. Morgen geht es dann noch ein letztes Mal auf Tour, den Erzählungen von anderen (aufgrund derer ich die entsprechenden Orte als Ziele auswählte) zufolge habe ich berechtigte Erwartungen, dass es die nächsten Tage nochmal ein wenig spannender wird – wir werden sehen. Ansonsten jedoch nicht erschrecken, wenn dieser Blog etwas negativ klingt: ich bin nach fast 8 Monaten fern der Heimat einfach ein wenig reisemüde, die ständigen Ortswechsel seit Dezember, das Aus-dem-Rucksack-leben, die immergleichen Backpacker-Bekanntschaften-Gespräche… aber wahrscheinlich dauert es nicht lange, wenn ich zurück in Dtl bin, und ich werde so einiges hier vermissen!

Costa Rica Transit / Carnaval Freaktown

Costa Rica Transit / Carnaval Freaktown

Costa Rica Transit Number 2
Zum zweiten Mal nach Costa Rica eingereist, und wieder kaum mehr als auf der Durchreise. Nach langer langer Busfahrt (Taxi zum Terminal Leon, Minibus Managua und von dort um 7 Uhr früh per TicaBus über die Grenze) kamen wir gegen 5 Uhr abends in San Jose an. Der Einfachheit halber checkten wir wieder im Tranquilo Backpackers ein, was zumindest Silja bereute, weil sie wieder ein paar Stiche abbekam – was immer diese allergische Reaktion hervorruft, es gibt die Biester im Tranquilo…
Heute blieb dann der Vormittag übrig, um ein wenig von San Joses Flair einzufangen: ein wahrer Kulturschock nach Nicaragua. Kühleres Klima, Shopping Malls und US-Style Diners und Fastfoodketten, zahllose Skater- und Surfklamottenläden in der Fussgängerzone – alles sehr seltsam, aber um mal ein bisschen langzuschlengern und sich wieder mehr in Deutschland zu fühlen, ganz in Ordnung. Ein paar Plazas, ein Artesaniamarkt, Essen und für Karneval gekaufte Schminke später holen wir unser Gepäck und fahren per Bus ins 18km entfernte Alajuela, eine kleinere Stadt (und doch mit grade 160.000 die zweitgrösste Stadt des Landes), ein wenig „normaler“, sehr viel übersichtlicher, und nur 5 Taximinuten vom internationalen Flughafen entfernt – optimal für Siljas Flug morgen um 7 Uhr früh. Torben und ich werden direkt anschliessend nach San Jose zurück und von da über David in Panama nach Chitre fahren, ein ekleiner Ort in der Nähe der Karnevalshochburg Las Tablas… war schon schwer genug, selbst da noch ne Unterkunft (für 15$) zu bekommen… ich hoffe, der Karneval ist es wert!

5.3.11, Alajuela, Costa Rica

Carnaval Freaktown
Die KarnevalsköniginGott, wo sind wir gelandet? Dass ausgerechnet Torben und ich zum Karneval nach Chitre kommen mussten, ist nur durch völlig verkehrte Erwartungen zu rechtfertigen. Denn Karneval ist hier nicht verkleiden, ausgeschmückte Wagen etc., sondern v.a. eins: rumstehen und nass werden. Hä?! Ganze zwei Wagen haben wir gesehen, mit je einer Karnevalsprinzessin mit vielen Federn drauf, gefolgt von einem Wagen Blechbläser. Abgesehen von diesem „Highlight“ dröhnt Bass aus riesigen Boxen, und auf der Strasse stehen viele Menschen, die sich von anderen Menschen aus Wasserschläuchen bespritzen lassen.Die Menge lässt sich mit Wasser bespritzen Getanzt wird wenig (nur hier und da steht ein Mädchen auf ner Kühlbox und bewegt ein bisschen die Hüften), getrunken viel, ansonsten wird wirklich NICHTS gemacht. Wer nicht betrunken und mit seiner eigenen Crowd unterwegs ist (=wir), langweilt sich sehr schnell. Ok, ersteres hätten wir ändern können, aber auch sinnlos – durch unsere generell gerade vorhandene Reiseunlust sind wir auch nicht überaus kontaktfreudig und eher froh, als der langweilige Franzose Renault (ja wirklich!) uns in Ruhe lässt, die Mädchen sind entweder minderjährig, vergeben oder dick und… naja: Hauptereignis: wir sind nass geworden. Oleole. Dazu macht die Stadt einen freakigen Eindruck auf uns: gestern spät nachts angekommen pennten wir schliesslich bei „Miami Mike“ auf einer Matraze und einem auf dem Boden liegenden Schlafsack, da mit unserer Reservierung was schiefgelaufen war. Dass Mike ein schmieriger, dicker, seltsamer Ami ist, half unserer Laune nicht grad. Durch viel Glück fanden wir heute früh ein paar Häuser weiter für 20$ pro Person ein immernoch teures, aber akzeptables Zimmer mit Rückzugsmöglichkeit. Die freakigen Leute liefen uns trotzdem noch ständig über den Weg und das liegt nicht am Karneval. (Dadurch waren es noch mehr). Schuss in den Ofen. Las tablas werden wir uns jetzt sparen, und haben unsere Reservierung für Panamastadt einen Tag vorverschoben. Die Lehre: wer karneval in Deutschland schon nicht mag, wird es auch in Panama nicht mögen.

7.3.11, Chitre, Panama

Jamaica für Panameños

Jamaica für Panameños

Jamaica für Panamaeños
Der Vibe hat uns. Unser Hostel BastimentosSchon unser Hostel-rezeptionist, ein farbiger Rastafari, redet in einer für Lateinamerika völlig untypischen Langsamkeit, aus dem Restaurant gegenüber kling Reggaemusik und die ca. 90% Dunkelhäutigen vor den Holzhäusern reden abwechselnd Spanisch, „Jamaica-Englisch“ und eine Mischung aus beiden. Aber ja, wir sind immer noch in Panama. nach 7h Fahrt, einer Sitzblockade auf der Strasse vor uns und einer bumpy Bootsfahrt sind wir jetzt auf Bastimento, einer Insel der Bocas del Toro-Gruppe in der panamaischen Karibik. Obwohl von mehreren Touris (meist Backpackern) bereits entdeckt, fällt dies kaum auf, und auf der „Hauptstrasse“ (einem schmalen Fussweg) des kleinen Ortes Old Bank (ausser ein paar Ansiedlungen der Ngöbe-Bugle) sieht man hauptsächlich Einheimische flanieren. Das Klischee wird perfekt, als uns auf der Strasse gleich mehrmals Gras angeboten wird. Das Meer vor der Nase, alle Leute wahnsinnig entspannt – es ist eine andere Welt, aber alles passt zusammen. Kein Auto, wenige Fernseher, und abends das Grillenzirpen vor unserer Terasse. Auf Dauer wär das nichts für mich und ich bin eigentlich auch kein Reggaefan – aber im Moment ist es perfekt. Und ist nicht der Moment das, was zählt? Relax, man!

16.2.11, Old Banks, Bastimentos, Panama

All-Time-Chillin
Es fühlt sich schon an, als würden wir eine halbe Ewigkeit hier sein. Den Ort kennt man nach etwas mehr als 10 Minuten fast vollständig, die Leute eigentlich ebenfalls, und man ist einfach Klischee-hafter Artesaniaverkäuferso gechillt, dass alles so easy ist wie der von Bob Marley abgelöste Gentleman-Sound aus den Boxen des Artesania-Verkäufers, dem eigentlich egal ist, ob jemand seine Sachen kauft. Erstaunlich wie ansteckend das ist. Vormittags gingen wir über einen schlammigen Pfad urch dichten Wald hinter dem Ort in den Osten der Insel zum Wizard-Strand, einem weichen, gelben, breiten Strand mit herrlichen Wellen. Auf dem Rückweg nahmen wir eine andere Richtung hoch zum „PalmTree Up the Hill“, einem alternativen Laen/Cafe und Hostel mit eigener Kakaoplantage und göttlich leckeren Schokotrüffeln, einer entspannten Aussteiger-Atmosphäre und viel Natur drumrum. Nachdem wir rausfanden, dass die Touren zu den beliebten Cavernas (Höhlen) 25$ kosten, liessen wir das lieber sein und… dreimal dürft ihr raten: entspannten den Rest des Tages, asen leckeres einheimisches Essen, tranken noch bessere Säfte und chillten abends auf unserer Terasse. Klingt unspannend? Ja man. Und?

der Tag danach man, immer noch dort

Down under
Überall um mich herum ist Wasser. Etwa 12m vor mir verschwindet die Sicht im blauen Dunst und gute 7m über mir schimmert die Wasseroberfläche. Nur hin und wieder fällt mein Blick auf die sich im Wasser wiegenden Korallen unter mir und die vereinzelten Fische, da ich ehrlicherweise v.a. damit beschäftigt bin, ruhig zu atmen und mit zwecks Druckausgleich die Nase zuzuhalten. Torben, Silja, der holländische Tauschmaster und eine Schweizerin tauchen vor mir urch das karibische Wasser, von oben bis unten in schwarzem Neopren und mit dicker Ausrüstung auf dem Rücken, die uns mit Luft versorgt. Wir haben anfangs ein paar Übungen gemacht (den hinter sich hängenden Luftschlauch wiederangeln während man versucht, die verbleibende Luft in den Lungen nur langsam entweichen zu lassen, das Wasser aus der Taucherbrille kriegen und per 2. Luftschlauch eines anderen Tauchers zu atmen, falls einem selbst mal die Luft ausgeht) und dann ein wenig in Richtung der Korallen gepaddelt. 42 Minuten insgesamt down under water. Das Atmen durch den Schlauch ist seltsam und ungewohnt, und ich beisse zu angestrengt auf das Mundstück das mir meine Luft zum Leben liefert. Ständig muss ich Druckausgleich machen, jeder Meter Unterschied fühlt sich an wie ein halber Flugzeugaufstieg, undDie Taucher irgendwann will mein linkes Ohr gar nicht mehr auf den Druckausgleich reagieren – womöglich noch imemr eine Spätfolge meines bereits über 18 Jahre zurückliegenden Schädelbasisbruches – ich muss wieder aufsteigen, denn so ein Überdruck kann ganz schön weh tun. In (erstaunlicherweise) Nieselregen fahren wir per Boot zurück zur Insel (da hats schon wieder aufgehört und ist wieder schön warm…) KO und ein wenig am frieren (ja wirklich! – also auf dem Boot). Eine interessante Erfahrung, wenn auch leider viel zu wenig vom Seeleben mitgekriegt, weil so sehr mit dem Tauchen selbst beschäftigt. Würd ich es trotzdem nochmal machen? Nach einem Ohrencheck… wahrscheinlich schon… 🙂

18.2.11, Old Banks, Bastimentos, Panama