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Autor: derjesko

Kirchen und Krieg

Kirchen und Krieg

Touristen und Reisende mögen ja alte Städte. Wo die Stadtmauern in wuchtige Höhen wachsen, Kirchturmspitzen und Minarette die Wette um die größte Nähe zum Himmel ausüben und Festungsruinen auf den Spitzen der Berge thronen. In der letzten Woche fand ich gleich drei Beispiele solcher von aller Welt geliebten Städte: Das montenegrinische Kotor, das kroatische Dubrovnik und das bosnisch-herzegowinische Mostar.
Alle drei leben vom Tourismus, der in den Sommermonaten ihre Straßen durchflutet, im späten Herbst der inzwischen unter den Mantel kriecht sind die Hostels leerer und in den Morgen- und Abendstunden kann man beinah ungestört über das Kopfsteinpflaster stolpern. In Kotor wandere ich einen langen, serpentinenreichen Pfad zur alten Festung hinauf, die zwischen den Bergen hindurchspäht und einen Blick auf das Gewusel der Innenstadt fallen lässt und lausche einem klassischen Chor orthodoxer Gesänge in der (für die Größe der Stadt unproportionalen) Kathedrale. In Dubrovnik fahre ich mit einem Kanu auf das dalmatische Meer hinaus, umrunde eine dank Klosterprotektion naturbelassene Insel und bestaune die Stadtmauern im Sonnenuntergang – ein mächtiges Bauwerk, das der von Venetianern umringten, reichen Handelsstadt der frühen Republik Dubrovnik gerecht wurde: Schützen vor Angreifern, Angeben vor Handelspartnern. Und in Mostar schließlich, dem Herz von Herzegowina, bestaune ich das farbenreich restaurierte Innere der Moschee, von deren Minarett am Mittag die Gebetsaufrufe über die kunstvoll geschwungene Brücke schweben.
Und erst, als ich weit im Westen der Stadt zwischen den Mauern eines verlassenen Kriegspartisanen-Denkmals stehe, wo die Denkmalsteine der Kämpfer umgestürzt sind und das Gras über die Kriege vor dem letzten, dem Spaltenen, gewachsen sind, wird mir bewusst, dass es immer auf zweierlei hinausläuft: Kirchen und Kriege.

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Wer wir sind und wo wir leben

Wer wir sind und wo wir leben

„Kein Albanier mag Albanien“, sagt der Schüchterne, „Wenn ich könnte, wäre ich in Schweden.“
„Unsere Identität ist noch aus der Antike,“ sagt der mazedonische Poet, „wenn andere da Probleme mit unserem Namen haben, ist das doch deren Problem.“
Gespräche hier gehen leicht in solche Richtungen. Wer wir sind und wo wir leben. Was ist kulturelle Identität? Und wie lange man als Gastarbeiter in Deutschland war.
Hier, das sind die letzten fünf Tage in Mazedonien und Albanien, und sie sind voll solcher Gespräche. Weil der Taxifahrer über seine Tochter spricht, die nach Dubai gezogen ist, um als studierte Ökonomin mehr als 250 Euro zu verdienen. Weil der in Deutschland wohnende Fußballtrainer im Bus mein Deutsch gehört hat und mich fragt, was einen Berliner in die albanische „Wildnis“ verschlägt. Weil der Poet am Gartenzaun steht und den einsamen Wanderer auf einen Raki einlädt. Die letzten Tage waren voller spontaner Begegnungen und umgeworfener Entscheidungen. In a nutshell:

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Die Elbenfelsen von Meteora

Die Elbenfelsen von Meteora

Wenn die Nebelbank sich in dicken Schwaden um die Felsen von Meteora legt, sieht es ein bisschen so aus, als würden sie schweben. Nur ein Dutzend Meter Fels, weich auf einer Wolke liegend, gekrönt von einem jahrhundertealten Kloster, dass sich in präfaktischer Weise an den Stein klammert. Die offizielle Geschichte lautet wie folgt: Ein gigantischer See, vielleicht ein Meer, in prähistorischen Zeiten, wurde duch ein Erdbeben gespalten, so dass die Strömungen im abfließenden Wasser eine Reihe caspardavidfriedrichesker Felsen aus dem Sandstein grub, auf deren Spitzen im Mittelalter ein paar orthodoxe Einsiedlermönche ihre nur durch Strickleitern erreichbaren Klöster bauten.
Wenn man an einem verregnet nebligen Tag wie heute auf einem jener Sandsteinmonstren sitzt, möchte man lieber die anderen Geschichten glauben. Vielleicht spielen Elben darin eine Rolle, vielleicht ein Zeichner, dessen fantastischer Stift skurill schöne Bauten auf die Bergspitzen verstreute, ohne sich über Fragen der Machbarkeit oder der Naturgesetze zu scheren. Die Felsen selbst muss ein wütender Zeus in den Grund gespalten haben, heute Nacht wirft er ein blitzendes Spektakel über das große Tal, während ich mit zwei elbenartigen Hippies von den Felsen durch die Nacht stolpere. Wie um zu beweisen, dass dieses Wunder immer noch ihm gehört, und nicht den Touristenbussen an sonnigen Tagen.

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Schlechte Entscheidungen und Athen

Schlechte Entscheidungen und Athen

Ist alleine reisen nicht langweilig? Wird man als Alleinreisender häufig gefragt. Meist antwortet man mit: Nein, man lernt ja unterwegs umso mehr Leute kennen.
Ja, aber.
Es ist Tag 4 nach Lesbos, nach One Happy Family und der Abreise von Micha. Umarmungsreich hatten wir uns von vielen Freund gewordenen Menschen verabschiedet und ich brach auf, um erst Athen und dann den Peloponnes zu erkunden. Ich hatte 3000 Jahre alte Paläste gesehen und war durch zerklüftete Landschaften mit traumhaftem Meerblick gefahren. Aber irgendetwas fehlte.

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Ach, Europa

Ach, Europa

Irgendwo hinter spärlich bewachsenen Bergen, olivbrauner Vegetation und staubig-brüchigen Serpentinen im Norden einer kleinen Insel, die Asien näher ist als dem griechischen Festland; dort, wo Europa seine unsichtbaren Mauern durch das Mittelmeer zieht und in der Verteidigung seiner Werte dieselben vergisst, dort liegt ein Friedhof, der nie einer sein sollte.
Micha und ich parkten das Auto, mit dem wir sonst Flüchtlinge von Moria zur Happy Family fahren, am Rande einer von Schafböcken gesäumten Bergstraße, um den letzten Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Die Sonne des Mittelmeers über unseren Köpfen. „Dafür seid ihr hergekommen?“, fragt ein vorbeifahrender Wohnmobilbesitzer, „Ja, dort über den Hügel. Es ist sehr tragisch.“
Unsere Frage nach dem Weg erübrigt sich, als die Straße den höchsten Punkt erreicht – es ist unübersehbar. Vor uns liegt der Rettungswestenfriedhof.

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Einzelschicksale?

Einzelschicksale?

Wenn wir von unserer Zeit auf Lesbos erzählen, hören wir oft Sätze wie „Respekt, dass ihr das könnt.“ Das ist lieb gemeint – aber eigentlich gebührt uns mitnichten solcher Ehre. Hier sind ein paar Alternativvorschläge, wem hier in Mytilene tausend Respektsbekundungen zufließen sollte, oder Glückwunsche, oder Mitleid. Oder alles zusammen. Eine garantiert unvollständige Sammlung von Einzelschicksalen:

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One Happy Family

One Happy Family

Es ist warm und wuselig, aber auch bunt wie in einem Hippiedorf aus den 70ern. Wenn der Van durch ein steil ansteigendes Industriegebiet gefahren ist, öffnet sich uns ein Tor zu einem versteckten kleinen Grundstück, mit Wandmalereien und Meerblick. Kinder aus Syrien, Lybien, Irak und hundert anderen Ländern spielen auf dem Klettergerüst, Jungs spielen Basketball, Mütter sitzen auf der Steinballustrade und unterhalten sich, während die Männer sich im Café überzuckerten Tee besorgen.
„Dieser Ort ist einfach magisch“, sagt der kleine Boss, „er gibt mir eine Aufgabe. Vorher, in Moria, gab es nur Warten auf Mittagessen, Warten auf Abendessen, Schlafen. Ohne One Happy Family hätte ich schon aufgegeben.“ Der kleine Boss ist gerade 21, er ist seit vielen Monaten hier, seit er auf einem der Boote, die weiterhin jede Nacht rund 80 Flüchtlinge nach Lesbos bringen, in Mytilene ankam. Er hilft, die anderen Helfer unter den Flüchtlingen zu organisieren, die Kasse zu machen, das Büro zu führen. Wenn es mal Streit gibt, stellt er sich mit Ruhe dazwischen und glättet die Wogen. Der kleine Boss ist sehr wichtig hier, und er macht gute Arbeit. Das weiß er.

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