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Autor: derjesko

Campusleben

Campusleben

„Wenn du mich vor fünf Jahren kennengelernt hättest, würdest du mich nicht wiedererkennen. Ich war ein richtiger rightwing-conservative Republican“, sagt Shadow, während wir in dem eindrucksvollen Hauptgebäude der Universität den Prunk eines einstigen Sommerhauses bestaunen. Ich schaue ihn ungläubig an. Shadow ist heute so ziemlich das Gegenteil des rechtskonservativen Republikaners. Er verbringt sein Leben in Anthropologieklassen und Soziologieclubs, versucht (vergeblich) seine Eltern vom aktuellen Stand der Genderdebatte zu überzeugen, schüttelt traurig den Kopf über die derzeitige Klimapolitik und überlegt, zusammen mit seiner undocumented Freundin nach Europa auszuwandern, um seinem jetzt 4-jährigen Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

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Die Einsamkeit und Philadelphia

Die Einsamkeit und Philadelphia

Einsamkeit ist ein seltsames Gefühl. Manchmal gesucht, manchmal gemieden, manchmal geradezu heilsam, ein anderes Mal in den Wahnsinn treibend. In Philadelphia hat man das nach einst guten Absichten erst zu spät festgestellt. Also, zumindest für viele betroffene Individuen zu spät. Das Eastern State Penitinterary wirkt von außen wie eine gotische Burg, massiv und bedrohlich, und aus heutiger Perspektive trifft das (wenn auch auf andere Weise) umso mehr auf das Innere zu…

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Wohnwagen und Worte

Wohnwagen und Worte

 

Die Grillen zirpen, neben uns die Frösche im Teich. Das Lageefeuer knackt, es nieselt leicht. „Hast du noch genug Whiskey mit Kaffee mir fällt ein ich sollte uns mal langsam was zu Abendessen machen die Küche ist ja nicht so groß bleib nur sitzen ich mach das schon“ sagt der Drehbuchautor, der ständig den Faden verliert und in einem unnachahmlichen Tempo durch die Themen unserer Unterhaltung rast. Gerade waren wir noch bei seinem Script, jetzt bei Genderthemen in Komödien, gleich bei seiner Exfreundin. Er hat keinen roten Faden, sondern ein ganzes Netz. Manche der Fäden greift er später wieder auf, wenn man sie fast vergessen hat. Andere nicht. Als er in die millimetergenau angepasste Küche geht, lässt er versehentlich einige der Fäden vor der Treppe seines Tiny-House-Wohnwagens liegen. Vielleicht stolpere ich darüber, wenn mein Whiskeykaffee leer ist.

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Herbstreisen

Herbstreisen

Draußen reißt der Regen unseres stark bewässerten Berliner Sommers die Wolken in Fetzen, flutet U-Bahnschächte und presst Kanäle über ihre Ufer – so ganz war das nicht der Plan, als ich vorhatte, den Sommer in Berlin zu verbringen. Umso leichter fällt es mir, mich auf meine Herbstreisen vorzubereiten – denn da steht dieses Jahr wieder einiges bevor, von dem ich gerne hier berichten werde.
Wie mein Vater und Gastautor Micha schon beschrieben hat, werden wir Anfang Oktober zwei Wochen Flüchtlingshilfe auf Lesbos leisten, und hoffen, dass unsere Fähigkeiten dort Menschen zugute kommen, die sie gerade sehr dringend benötigen. Womöglich mag es seltsam erscheinen, das in einem Text mit meinen Reisen zu nennen, in denen ich zwar auch ein bisschen andere Perspektiven auf die Welt sammle, die aber doch vor allem meinem Privatvergnügen dienen. Ich habe eine Weile mit mir gehadert, ob und wie ich darüber schreiben will. Zum „wie“ bin ich noch nicht recht fortgeschritten, das „ob“ klärte sich jedoch schnell: Ist es doch so unheimlich wichtig, das, was wir dort sehen werden, nach Hause und nach Außen zu tragen. Nicht, um unser „Gutmenschentum“ anzupreisen, sondern um die Lage dort zu schildern, die es so oft durch unsere Aufmerksamkeitsschleusen schafft. Deshalb also seit an seit mit meinen Reisen: Denn auch das ist ja unsere Welt. Was ich mit Bildern und Worten, Gedanken und Metaphern beschreiben will. Nicht etwas, das nur in gesonderte Talk-Runden und Meinungsartikel der Polit-Ressorts gehört, sondern dort stehen sollte, wo auch das restliche Leben steht. Zweifellos wäre es besser, es gäbe keinen Anlass, darüber zu schreiben. Da er aber nunmal leider existiert, soll er auch sichtbar sein, augenscheinlich als Schattenseite unserer ach so freien Welt.

Während Micha im Anschluss von Athen zurückfliegen wird, habe ich beschlossen, ein bisschen von Südosteuropa kennenzulernen – auch, weil ich denke, ein allzu harter Schnitt von dieser einschneidenden Erfahrung zurück in den Alltag wäre keine kluge Idee.
Nach einigem Versinken in herrlichsten Berichten über die Wunder des Balkans gelangte ich zu zwei Erkenntnissen:
1) Das gibt genug Reisepläne für die nächsten drei Jahre
2) Die ganze Region in drei zur Verfügung stehende Wochen aufteilen zu wollen ist aussichtslos.
Entsprechend werde ich mich in der zweiten Oktoberhälfte auf Griechenland, Mazedonien, einen Zipfel Kroatiens und Bosnien einschränken und schauen, dass ich von dort zurück in den Berliner Winter komme. Die Eckpunkte auf meinen Wunschzielen: Abgelegene Klöster auf Felsspitzen, multireligiöse Großstädte, bergumragte Seen, ins Meer gestreute Inseln und legendenumwobene Tempel.
Verrückterweise ist dieser vielseitige, aufregende Oktobermonat aber noch nicht alles. Denn noch davor, im September, werde ich für circa drei Wochen in die USA reisen. Woher das nun kommt, und ob ich da nicht erst vor drei Jahren noch war, könnte man mich fragen. Gibt es nicht so viele andere spannende Länder, die noch eine Reise wert wären? Zweifellos. Erfreulicherweise hat mich allerdings die Monmouth University in Long Branch, New Jersey für Mitte September eingeladen, einige Inhalte zum Thema Nachhaltigkeit und Kreatives Schreiben mit ihnen zu erarbeiten und zu planen. Dieses Mal also eine Art Planungsaufenthalt, fünf Tage am Campus, doch mit der Aussicht auf weitere Zusammenarbeit. Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Also werde ich meinen Rucksack packen und an die US-Ostküste fliegen, und wenn ich schonmal da bin, ein bisschen mehr von Jersey Shore und Nationalparks zu sehen, in die New York City jenseits der Manhattan-Wolkenkratzer einzutauchen und vielleicht auch ein paar Slambühnen mitzunehmen. Was da so alles passieren wird, werdet ihr also hier ab Mitte September erfahren…
Bis dahin durchschmöker ich noch ein paar Reisebücher und trockne meine Regenkleidung vom Berliner Sommer, voller Vorfreude auf die nächsten Abenteuer.

Ein Schweizer Kreuz, eine Insel und ein Gastautor

Ein Schweizer Kreuz, eine Insel und ein Gastautor

Im kommenden Oktober werde ich zu einer neuen Reise aufbrechen – gänzlich anders als zuvor. Ziel ist die griechische Insel Lesbos, kaum 30 Kilometer vom türkischen Festland entfernt. 30 Kilometer – das ist weniger als der Höchststand einer meiner Tagesetappen auf dem Camino del Norte letztes Jahr. Doch statt als von Freiwilligen umsorgter Sinnsucher-Pilger werde ich nun auf der anderen Seite stehen, für Menschen, die diese so viel schwierigeren 30 Kilometer so viel nötiger haben. Dort, auf diesem kleinen Vorposten der Festung Europas, stranden Tag für Tag Flüchtlinge oder werden von hoher See gerettet. Die private Organisation SchwizerChruez hat es sich zum Ziel gesetzt, dort eine wahre Hilfe zu leisten: Medizinisch, organisatorisch, menschlich. Zwei Wochen werde ich dort meinen Beitrag zu leisten versuchen, und bin dabei nicht alleine. Neben den vielen anderen Freiwilligen ist es vor allem ein Mensch, der mir den nötigen Arschtritt verpasst hat und mit mir zusammen die Reise antreten wird.

Darf ich vorstellen – zukünftiger Gastautor in diesem Blog, unverbesserlicher Gutmensch und fantastischer Vater: Michael.

Wir gehen nun in die Vorbereitungen und halten euch auf dem Laufenden!

Am Ende der Welt

Am Ende der Welt

Eigentlich ist es gar nicht so spektakulär. Ein Leuchtturm, ein Stein mit der 0 Km Angabe, ein paar Felsen die zum Meer abfallen. Ein Mann der Gitarre spielt, eine Gruppe Pilger, die Wanderstöcke und Nachrichten mit Überwundenem verbrennen. Ein Sonnenuntergang, der deutlich weniger beeindruckend ist als jener, den ich am folgenden Tag vom kleinen, halbvergessenen Strand zehn Minuten hinter meiner Herberge betrachte (siehe Fotos). Eigentlich ist es nur ein Kap, das genaugenommen nicht einmal das westlichste Europas ist.
Aber zugleich ist es auch das Ende einer langen äußeren und inneren Reise. Die letzten Schritte nach über tausend Fußkilometern von Frankreich bis an die spanische Westküste.  Der letzte  Schlag meines Bambusstockes Salvador auf den steinigen Boden. Das Ende der Erde: Kap Finisterre.

Die letzten Tage von Santiago nach Finisterre waren wie ein neugemischtes Kartenset –  Pilger vom Camino Francés, Portugués und Norte treffen plötzlich aufeinander, man tauscht die unterschiedlichsten Erfahrungen aus, während der Höhenweg über die letzten Berge führt. Ab und an treffe ich jemanden aus dem Norden wieder, wie den österreichischen Ökonomen, den ich erstmals in Colombres traf (noch in Asturien,  vor über 300km) oder die Hippiedame aus den ersten Tagen in Galizien, neue Leute tauchen wieder und wieder auf, wie der Tschechische Programmierer oder das Schweizer Paar. Nach einer langen Etappe mit Christiana (der ersten nicht-polnischen Pilgerin die  zumindest teilweise aus katholischen Gründen läuft) komme ich in Cee an, einer Stadt in der nicht mal die Schritte der Fußgänger und das Klacken von Wanderstäben die allgegenwärtige Stille stört. In der Herberge an der Quelle  spielen wir Durak, die Herbergseltern verwöhnen uns mit Selbstgekochtem und Abschiedsumarmung, die Schokolade mit Kondensmilch schmeckt bereits nach Schlussetappe. „Hast du mit deinem camino erreicht was du wolltest?“  fragt Christiana, weil sie selbst keine Antwort weiß.
Als wir am nächsten Tag die letzten Kilometer am Strand entlang laufen, antworte ich „Ja“ und schreibe die Namen der Menschen, die diesen Camino zu dem machten, was er war, in den Sand. Wir essen mittag in „la Familia del mundo“, eine Empfehlung von Esperanza, Punks und Hippies mit Linsensuppe auf den Tellern, bunte Wände, laute Musik. Neben uns sitzt ein weinendes Mädchen. Sie ist aus Berlin und auch den Norte gelaufen, bringe ich sie schließlich zum reden, der Teller vor ihr ist voller Linsensuppe und Probleme, die hier nicht hingehören. Hat sie mit dem Camino erreicht, was sie wollte? Ja, deswegen weint sie. Ich bleibe zwei Tage in der Herberge da Sol y Luna, hinduistische Wandmalereien und Lagerfeuer, das beste Frühstück seit zwei Monaten, gemeinsames Abendessen im Garten, an der Wand steht „Das ist nicht das Ende, es ist der Anfang“. In den Straßen des kleinen Ortes am Ende der Welt treffe ich Canto wieder, Sorpresa ruft zufällig an, während die Sonne hinter dem Strand versinkt und die Wellen sich im Rot brechen. Ob ich erreicht habe, was ich vom Camino erwartet habe, fragt sie, aber was sind schon Erwartungen. Das räumliche Ziel zu erreichen, das ist leicht. Ein paar Berge, ein paar Landstraßen, Baskenland, Kantabrien, Asturien, Galizien, irgendwann ist es normal morgens aufzustehen, die Füße zu tapen  und loszulaufen, bis man eben am nullten Kilometer ist. Verändert man sich dabei? Kehrt man anders zurück? „Nur wenn man kein Schmalspurpilger ist“, würde Canto sagen. „Das werde ich erst zuhause wissen“, würde Busqueda vermuten. „Hoffentlich“ meinte Esperanza.
„Ja“, antworte ich, schreibe „gracias“ in den Sand und lasse das Ende der Welt hinter mir.