Kirchen und Krieg

Kirchen und Krieg

Touristen und Reisende mögen ja alte Städte. Wo die Stadtmauern in wuchtige Höhen wachsen, Kirchturmspitzen und Minarette die Wette um die größte Nähe zum Himmel ausüben und Festungsruinen auf den Spitzen der Berge thronen. In der letzten Woche fand ich gleich drei Beispiele solcher von aller Welt geliebten Städte: Das montenegrinische Kotor, das kroatische Dubrovnik und das bosnisch-herzegowinische Mostar.
Alle drei leben vom Tourismus, der in den Sommermonaten ihre Straßen durchflutet, im späten Herbst der inzwischen unter den Mantel kriecht sind die Hostels leerer und in den Morgen- und Abendstunden kann man beinah ungestört über das Kopfsteinpflaster stolpern. In Kotor wandere ich einen langen, serpentinenreichen Pfad zur alten Festung hinauf, die zwischen den Bergen hindurchspäht und einen Blick auf das Gewusel der Innenstadt fallen lässt und lausche einem klassischen Chor orthodoxer Gesänge in der (für die Größe der Stadt unproportionalen) Kathedrale. In Dubrovnik fahre ich mit einem Kanu auf das dalmatische Meer hinaus, umrunde eine dank Klosterprotektion naturbelassene Insel und bestaune die Stadtmauern im Sonnenuntergang – ein mächtiges Bauwerk, das der von Venetianern umringten, reichen Handelsstadt der frühen Republik Dubrovnik gerecht wurde: Schützen vor Angreifern, Angeben vor Handelspartnern. Und in Mostar schließlich, dem Herz von Herzegowina, bestaune ich das farbenreich restaurierte Innere der Moschee, von deren Minarett am Mittag die Gebetsaufrufe über die kunstvoll geschwungene Brücke schweben.
Und erst, als ich weit im Westen der Stadt zwischen den Mauern eines verlassenen Kriegspartisanen-Denkmals stehe, wo die Denkmalsteine der Kämpfer umgestürzt sind und das Gras über die Kriege vor dem letzten, dem Spaltenen, gewachsen sind, wird mir bewusst, dass es immer auf zweierlei hinausläuft: Kirchen und Kriege. Die einzigen zwei Zwecke, für die Menschen über Jahrhunderte hinweg so viel Geld ausgegeben haben, dass ihre Überreste oder renovierten Vorzeigeobjekte bis heute überdauern. Ein Denkmal für den Frieden steht nirgends. Alte Universitäten verfallen. Jede Kunst ist vergänglich, wenn sie nicht Kirche oder Krieg diente.
Besonders in Bosnien-Herzegowina ist das so traurig, und zugleich so offensichtlich. Weil die Narben noch kaum verheilt sind. „Ich habe ein paar kroatische Freunde“, sagt ein muslimischer Bosniake, und wenn er „kroatisch“ sagt, meint er: katholisch, und kroatischer Ethnie, was immer das heißt. Sie leben im Westen Mostars. „Die waren noch nie auf der alten Brücke, und haben sie noch nie im wirklichen Leben gesehen.“ Denn die alte Brücke, die ist von Muslimen erbaut. Sie ist das Denkmal Ost-Mostars, das Symbol der Bosniaken. Im Krieg haben die Kroaten sie zerbombt. Über den Krieg reden sie nicht miteinander, es würde zu nichts führen. Die einen haben die anderen umgebracht, was bringe es, darüber zu reden. Es ist 24 Jahre her.
Der Bosnienkrieg ist die dunkle Seite der Festungen und Kirchen in den Touristenstädten: Serben, Bosniaen und Kroaten, die sich umbringen, weil sie in unterschiedliche Kirchen und Moscheen gehen. Und wegen Macht, Politik und Geld, natürlich. Aber was bei den Menschen hängen bleibt, ist die Religion. Und sicherlich haben die verschiedenen Gotteshäuser dem einen oder anderen auch Sicherheit und Stabilität und eine Orientierung im Leben gegeben. Aber sie haben eben auch genauso viel zum Gegenteil beigetragen.

Ich mache noch einen Ausflug zu den wunderschönen Kravice Wasserfällen, und zu einem uralten Bergdorf, in dem nur 24 Bewohner verbleiben und ein wirtschaftliches hartes Leben zwischen zwei Festungstürmen führen. Der Eindruck bleibt.
Das mag arg pessimistisch für das Ende einer Reise klingen, und nicht zu den hübschen Bilder passen, die die Gallerie schmücken. Keine Sorge, ich lief nicht ausschließlich mit Weltschmerz in den Manteltaschen durch die Gassen – immerhin lernte ich viele spannende Leute kennen, sah wunderschöne Orte und genoss die Abenteurlichkeit einer freien Reise. Aber ein bißchen bleibt im letzten Satz eben doch ein bitterer Nachgeschmack, wie bei bosnischem Kaffee. Alles könnte besser sein, in einer Welt zwischen Kirchen und Krieg.

One thought on “Kirchen und Krieg

  1. Heißt das nun, deine reise endet hier und du kehrst zurück nach Berlin. ..Bis zur nächsten Reise. ..hoffe, der bittere Nachgeschmack dieser Kriegs – Kirchenerfahrungen bleibt nicht für immer. Gute weitere Fahrt. Susanne

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