Ach, Europa

Ach, Europa

Irgendwo hinter spärlich bewachsenen Bergen, olivbrauner Vegetation und staubig-brüchigen Serpentinen im Norden einer kleinen Insel, die Asien näher ist als dem griechischen Festland; dort, wo Europa seine unsichtbaren Mauern durch das Mittelmeer zieht und in der Verteidigung seiner Werte dieselben vergisst, dort liegt ein Friedhof, der nie einer sein sollte.
Micha und ich parkten das Auto, mit dem wir sonst Flüchtlinge von Moria zur Happy Family fahren, am Rande einer von Schafböcken gesäumten Bergstraße, um den letzten Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Die Sonne des Mittelmeers über unseren Köpfen. „Dafür seid ihr hergekommen?“, fragt ein vorbeifahrender Wohnmobilbesitzer, „Ja, dort über den Hügel. Es ist sehr tragisch.“
Unsere Frage nach dem Weg erübrigt sich, als die Straße den höchsten Punkt erreicht – es ist unübersehbar. Vor uns liegt der Rettungswestenfriedhof.
Seit Jahren legen hoffnungsvolle Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, dem Magreb und Dutzenden anderen Regionen die 15 Kilometer zwischen der türkischen Küste und den nörlichen Stränden von Lesbos in Booten zurück, die nur einen Messerstich vom Sinken entfernt sind. Um ihre Schultern liegen Rettungswesten, bereitgestellt von Schmugglern, die trotz Tausender Euro Gewinn die Kosten einer funktionstüchtigen Weste scheuen. Viele sind Attrappen, manche kaum für Kinderspiele im Pool geeignet. Jene Westen, deren Träger es auf das erste Stück europäischen Bodens geschafft haben, werden hier abgestreift. Während ihre kurzzeitigen Besitzer nach Moria oder in andere Lager gebracht werden, schafft man Rettungswesten, Schlauchboote und Motoren auf die nächstgelegene Müllhalde – da, wo manchmal noch defekte Luxusyachten der Tourismusindustrie abgeladen werden.

Hier stehen wir also, zwischen den Bergen von Schutzwesten, von denen viele ihren Nutzern trotz allem mehr Schutz gaben als die küstenwachenden Grenzschützer. Es sind Tausende. Hier: eine Poolring mit Hello Kitty-Aufdruck. Dort: Ein Bagger, der die Zeugen einer menschenunwürdigen Flucht auf immer neue Berge schiebt.
Was geht einem durch den Kopf, wenn man hier steht? Bei Micha war es Folgendes:

‘Nach langer holpriger Fahrt sind wir jetzt hier angekommen, da wo Berge von Rettungswesten liegen. Ich gehe langsam darauf zu und allein der Anblick erschüttert mich sehr. 
Es ist eine merkwürdige Stille hier, man hört nur ab und zu-
Fliegen, und einzelne Vögel.
Tausende von Rettungswesten liegen hier. Ich gehe langsam an den Berg heran, ich traue mich nicht hinauf zu gehen. Ich gehe am Rand entlang und versuche, dass mein Blick möglichst viele Rettungswesten einzeln erfasst-
es ist unmöglich. 
Wenn eine Rettungsweste im Weg liegt, gehe ich drum herum. 
Es ist sehr erschütternd, ich bin sehr berührt-
und ich bin unendlich traurig. 
Wieviel Schicksale liegen hier versammelt? Ich sehe Schwimmwesten für Kinder, kleine Ringe, die Kinder in Deutschland im Swimmingpool nehmen. Es ist-
unfassbar, was sich hier abgespielt hat. 
Die Sonne leuchtet über allem-
aber drinnen in mir ist es sehr sehr dunkel. 
Ich traue mich nicht, etwas zu mir selbst zu sagen, um mich nicht selbst so wichtig zu nehmen. Dieser Anblick wird mir lange im Gedächtnis und im Herzen bleiben. 
Ich werde ihn kaum vergessen können. 
Er ist Schmach, Scham, Wut und Traurigkeit.  Er macht mir Mut, aufzustehen,
jeden Tag neu,
für ein menschenwürdiges Miteinander.  Langsam und still verlasse ich den Mut-Berg. ’

Ach, Europa. Du könntest so schön sein, so voller Hoffnungen. So voller versteckter, alter Klosterruinen, hinter deren verschlossenen Mauern wir eine geisterhaft weiß betuchte, saubere Kapelle entdecken. So voller efeuüberwachsener Kopfsteinpflastergassen am Hang eines eines kleinen Städtchens mit Meerblick. So voller sternenklarer Nächte an einsamen Überlandstraßen. Ach, Europa. Du könntest so voller Tage wie unseren Letzten auf Lesbos sein: Mit Gedichten und Gitarrenklängen an einem improvisierten Mikrofon, in vielen Sprachen und einer Seele. Mit länderübergreifenden Umarmungen zum Abschied, man sieht sich immer zwei Mal, „see you in Germany“ – weil es eben irgendwie One Happy Family ist, und „my friend“ mehr ist als die floskelhafte Anrede. Mit einer mächtig großen Fähre, die den Hafen von Mytiline verlässt, und die Überfahrt nach Athen im Loungesessel sich durch kaum mehr als ein leichtes Vibrieren unter den Füßen anzeigt.

Du könntest.

Aus einem alten Schlauchboot läuft ein letzter Rest Meerwasser, als ich vorsichtig darüber hinwegsteige, es sickert zwischen die Rettungswesten hinab in den trockenen Boden einer Insel, die wir zum Grenzposten erklärt haben.
Ja, du könntest.
Ach, Europa.

 

2 thoughts on “Ach, Europa

  1. Vielen Dank Euch zwei Jungs – dafür, dass Ihr uns übersättigte in Frieden und Sicherheit lebende Wesen teilhaben lasst an Euren ungeheuerlichen Erfahrungen !

  2. Womit haben wir es verdient, in einem Land voller Überfluss leben zu dürfen? Ich bin froh, dass ich rechtzeitig erkannt habe, mich von so viel Hab und Gut trennen zu können. Wieviel mehr wert ist es in Frieden leben zu dürfen. Und ich danke euch von Herzen für eure Hilfe dort vor Ort. Heute freue ich mich jedoch mehr denn je, dass mein Micha zurück zu mir kommt.

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