Einzelschicksale?

Einzelschicksale?

Wenn wir von unserer Zeit auf Lesbos erzählen, hören wir oft Sätze wie „Respekt, dass ihr das könnt.“ Das ist lieb gemeint – aber eigentlich gebührt uns mitnichten solcher Ehre. Hier sind ein paar Alternativvorschläge, wem hier in Mytilene tausend Respektsbekundungen zufließen sollte, oder Glückwunsche, oder Mitleid. Oder alles zusammen. Eine garantiert unvollständige Sammlung von Einzelschicksalen:

– Amid. Seit dem ersten Tag ein Helfer* bei One Happy Family (OHF), selbst Flüchtling aus dem Iran. Hier hat er geholfen, die ganze Organisation mit aufzubauen und anderen Flüchtlingen einen sicheren Ort zu geben. Heute bekam er den Bescheid, nach Athen zu dürfen – aufs Festland. Er wusste nicht, ob er sich mehr über die Weiterreise aufs Festland freuen, oder traurig über das Zurücklassen der „Familie“ sein sollte.

– Machmud. Ein Bär von einem Mann und einstiger Flüchtling. Nach seiner Anerkennung blieb er freiwillig in Mytilene und leitet nun ehrenamtlich die Küche von OHF – in ungefähr sechs Quadratmetern bekocht er täglich bis zu 780 Menschen mit gesundem, abwechslungsreichen Essen, für Beträge, mit denen man in hochpreisigen Restaurants Nordeuropas eine einzige Familie ernährt bekäme.

– Das Paar. Inmitten des Gewusels eines gefüllten Nachmittags steht ein Paar in blauen Judoanzügen (das Einzige, was sich von der Masse abhob), die Hände festgehalten, das Glück in den Augen. Beide sind Flüchtlinge, beide Helfer bei OHF, hier haben sie sich kennengelernt. Heute haben sie geheiratet.

– Maroni. Die Kalifornierin wurde ein bisschen ins kalte Wasser geworfen, als sie vor drei Wochen als „Schichtkoordinatorin“ bei OHF begann. Als farbige Frau (und zugleich nicht-Mutter) hatte sie es nicht leicht, den Respekt der Helfer und Gäste aus oft patriarchalen Gesellschaften zu bekommen. Inzwischen hat sie ihn sich hart verdient: Sie hält den Laden zusammen, für die nächsten Monate, mit klugen Entscheidungen und mehr Energie als irgendein Freiwilliger sonst.

– Dana. Die Leiden ihrer Flucht übertreffen jene vieler anderer noch um ein Weites. Noch im Boot von der Türkei nach Griechenland wurde sie vergewaltigt, vor den Augen ihrer Tochter. Trotz aller Ängste und Traumata gibt sie ihrer Tochter und vielen anderen Kindern jeden Tag drei wichtige Dinge mit: Stärke, ein leuchtendes Lächeln und zwei Fremsprachen, die sie ehrenamtlich in der Schule unterrichtet.

– Der Mann, der seinen Bruder im Rollstuhl bis zu den Schleusern gebracht hat, Huckepack aufs Boot trug und ihn jetzt Tag für Tag den Weg zu Ohf hinauf schiebt.

Was sonst noch passierte:
– Die Lagerverwaltung entschied sich ohne Vorankündigung, auf einmal 170 Erlaubnisscheine für die Weiterfahrt nach Athen auszugeben – aber nur an Syrer und Irakis, und nur an „Vulnerables“. Die Gerüchte waren schneller, plötzlich strömte alles nach Moria zurück um einen der Spontan-scheine zu bekommen. Eine verlässliche, sichere Organisation hätte anders ausgesehen.
– wir stellten aus Geldgründen das Shuttle von Moria ein – und haben trotzdem noch 400-500 Leute jeden Tag bei uns
– ich fand heraus, dass eine Mahlzeit in unserer Ohf Küche nur 65 Cent kostet. Und trotzdem Geld fehlt, für viele Menschen. Also dachte ich, dass man doch irgendwie 6.500€ zusammen kriegen sollte, um damit 10.000 Mahlzeiten zu finanzieren – und habe die Aktion ‚10.000 Mahlzeiten‘ auf meiner Facebookseite (http://facebook.com/derjesko) gestartet. Ich freue mich über eure Unterstützung dabei!

Und was passiert jetzt noch?
Am Montag ist schon unser letzter Tag. Was uns an diesen letzten Tagen so durch den Kopf geht und was sonst noch hier auf Lesbos passiert, das kommt schon bald im nächsten Beitrag.


*Begriffserklärung: „Helfer“ sind die Flüchtlinge, die ehrenamtlich bei ohf arbeiten, teils seit Beginn, meist länger als die europäischen Freiwilligen. „Freiwillige“ sind die meist europäischen Volunteers, die mindestens 2 Wochen, aber teils auch bis zu mehreren Monaten ebenfalls ehrenamtlich bei OHF arbeiten.

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