One Happy Family

One Happy Family

Es ist warm und wuselig, aber auch bunt wie in einem Hippiedorf aus den 70ern. Wenn der Van durch ein steil ansteigendes Industriegebiet gefahren ist, öffnet sich uns ein Tor zu einem versteckten kleinen Grundstück, mit Wandmalereien und Meerblick. Kinder aus Syrien, Lybien, Irak und hundert anderen Ländern spielen auf dem Klettergerüst, Jungs spielen Basketball, Mütter sitzen auf der Steinballustrade und unterhalten sich, während die Männer sich im Café überzuckerten Tee besorgen.
„Dieser Ort ist einfach magisch“, sagt der kleine Boss, „er gibt mir eine Aufgabe. Vorher, in Moria, gab es nur Warten auf Mittagessen, Warten auf Abendessen, Schlafen. Ohne One Happy Family hätte ich schon aufgegeben.“ Der kleine Boss ist gerade 21, er ist seit vielen Monaten hier, seit er auf einem der Boote, die weiterhin jede Nacht rund 80 Flüchtlinge nach Lesbos bringen, in Mytilene ankam. Er hilft, die anderen Helfer unter den Flüchtlingen zu organisieren, die Kasse zu machen, das Büro zu führen. Wenn es mal Streit gibt, stellt er sich mit Ruhe dazwischen und glättet die Wogen. Der kleine Boss ist sehr wichtig hier, und er macht gute Arbeit. Das weiß er.

One Happy Family (OHF), das ist der Ort, an dem Micha und ich seit Anfang der Woche als Freiwillige arbeiten. Entstanden als eine Art Spin-Off von SwissCross Help, ist es inzwischen eine selbstständige Organisation, die alleine aus privaten Spenden einen Gegenpol zum chaotischen, überfüllten, gefährlichen Flüchtlingslager Moria schafft. Ab dem Vormittag kommen Menschen verschiedenster Kulturen und Nationen per Shuttle oder zu Fuß den Berg zum OHF-Dorf hinauf, bekommen kostenloses, gutes Mittagessen, Beschäftigungsmöglichkeiten und, vielleicht am Wichtigsten, einen sicheren, ruhigen Ort. Wobei „ruhig“ natürlich relativ ist. Gestern waren 675 Leute da.
„Wir brauchen im Monat circa 15.000 Euro, für Material, Essen und so weiter“, rechnet die Freiwilligenkoordinatorin Aisiodoxia (gr. Für Optimismus) vor. Sie hat uns von SwissCross Help übernommen, kurz bevor wir ankamen, uns eine kleine Einleitung gegeben und dann der Leitung von Maroni übergeben.

Maroni ist, seit sie uns am ersten Tag in Empfang genommen hat und für unsere ersten Aufgaben erteilt haben, überall zugleich. Abends hat sie Meetings, tags rennt sie von einem Projekt zum nächsten, sorgt für Ordnung in der Boutique, versucht den Schaden durch die komplizierte Wienerin zu minimieren, spricht mit Journalisten, plant die Essensausgabe, springt ein wo es nötig ist. Wenn eine Aktivitätsskala von 1 bis 10 geht, liegt sie als unsere Schichtkoordinatorin bei 15. Sie trifft die Entscheidungen, und manchen klingt ihr Ton nach außen ein wenig hart, ein bisschen direkt. Aber ihr Kern ist weich wie eine Esskastanie. Wenn sie könnte, würde sie jeden einzelnen geflüchteten Menschen in den Arm nehmen und mit Visa versorgen. Am Besten gleichzeitig.

Das ist also OHF, One Happy Family. Eine nicht immer konfliktfreie, aber meist gut laufende Zusammenarbeit aus „Refugee Helpern“ und europäischen Volunteers. Es soll eben nicht nur eine Hilfsorganisation für die „armen abhängigen Flüchtlinge“ sein – viele der Projekte vor Ort werden von den engagierten Geflüchteten geleitet.
Aber auch den Gästen wird versucht, eine gewisse Unabhängigkeit zu geben. Jeder Mensch bekommt pro Tag zwei „Drachmen“ (eine interne, lokale Währung), sozusagen als Bedingungsloses Grundeinkommen für Geflüchtete. Für was man diese ausgibt, bleibt einem selbst überlassen. Man kann sie für Tee und Kaffee verbraten oder auf gespendete Kleidungsstücke oder Schuhe „sparen“ (eine Jacke kostet 3 Drachmen) oder Haushaltsbedarf kaufen. Die Bibliothek ist umsonst, das Mittagessen auch. Es soll sogar schon Restaurants in der Innenstadt geben, die unsere Drachmen annehmen.

Zwei Drachmen pro Erwachsene, eine pro Kind. Micha sitzt an der Bank, prüft Ausweise und gibt die weißen Zettel aus. „Bist du aus Deutschland?“, fragt ihn einer, während Micha seinen Ausweis prüft, auf Deutsch. „Aus welcher Stadt?“
„Sankt Augustin“, antwortet Micha überrascht und zählt die Scheine ab, „Kennst du das?“
„Ja, klar, ich hab in Köln und Wesseling gearbeitet“, antwortet der Syrer. Sie würden sich gerne weiter unterhalten, aber die Schlange ist lang, viele warten auf ihre Drachmen. Vielleicht laufen sie sich nachher beim Café nochmal über den Weg. Irgendwie schafft Micha es, auch in zehn Minuten Pause mit Leuten ins Gespräch zu kommen, egal, welche Sprache sie sprechen. Die Kinder lieben ihn – kein Wunder, er ist ein großer, lächelnder Deutscher, außerdem ist er fantastisch.

Ich selbst habe leider eine Erkältung, trotz oder wegen des warmen Wetters, doch sie bessert sich bereits. Mein Einsatz war die ersten Tage deshalb oft im Shuttle, in dem ich Leute von Moria zum OHF-Dorf bringe. Inzwischen ist meine Stimme auch wieder da und ich kann mich mehr Gespräche mit den neben mir Sitzenden führen oder die Kinder auf dem Rücksitz unterhalten. Einmal mache ich Ankündigungen wie in einem Flugzeug, „this is your captain speaking, I hope you enjoy your flight“. Der Junge hinter mir spricht kaum Englisch ausser „Hello my Friend“, aber er versteht den Witz. „I hope you enjoy your stay at our destination“, sage ich, „goodbye my friend“ lacht der Junge.

Eigentlich sind wir völlig machtlos hier. Wir können die Lage in Moria nicht verändern, wir können keine Papiere beschaffen. Wenn einer der Helper erzählt, wie er trotz durch Misshandlungen im türkischen Gefängnis entstandene Rückenschäden nicht mal ins Athener Krankenhaus darf, können wir nur empört den Kopf schütteln und viel Glück wünschen. Eigentlich können wir nichts tun. Außer etwas Hoffnung geben, ein Lächeln vielleicht, und das Gefühl, als Mensch etwas wert zu sein. Das allerdings, das tun wir.

2 thoughts on “One Happy Family

  1. Der Schreiber macht mich jedes Mal stolz, weil er so wunderbare Worte findet, auch für Tatsachen, die nicht immer wunderbar sind. Ich danke dir für deine Zeilen. Dass der Vater des Schreibers wunderbar ist, weiß ich schon sehr lange und das macht mich noch mehr stolz; denn ich kenne und liebe ihn noch länger. Was ihr dort erlebt, ist unsagbar bereichernd und wenn es beim Lesen auch so scheint, als ob alles relativ reibungslos zugeht, so weiß ich doch von der täglichen Berichterstattung von Micha, dass der Schein trügt und sowohl die Flüchtlinge selbst insbesondere, als auch ihr Helfer es nicht immer leicht habt. Ich bewundere euren Einsatz, auch den der anderen Helfer und bedanke mich in voller Erfurcht für eure Hilfe vor Ort. Ich bin mit meinen Gedanken bei euch. Jeden Tag! Und erwarte gespannt einen weiteren Bericht aus der „One happy family“.
    Lieben Gruß, Susanne – aus Sankt Augustin, welches in der Nähe von Köln und Wesseling liegt.

    1. Schon, aber im Vergleich sind unsere Anstrengungen und sorgen ja doch gering
      Wir wollen demnächst einen Eintrag über Leute schreiben, die wirklich den größten Respekt auf dieser Insel verdient haben.

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