Tausend Kulturen

Tausend Kulturen

Ich war ja nur eine Straße entfernt. Eine Häuserblock der aussah wie jeder andere, rote Backsteinmehrfamilienbauten, zwischendrin eine Holzkonstruktion, am Ende der Straße rattert die Metro mit unglaublicher Lautstärke vorbei, getoppt nur vom unablässigen Autoverkehr. Eine Straße weiter beginnt das Paradies der Graffitikünstler, die Leinwand für Maler und Sprüher aus aller Welt. Ich brauchte einen weiteren Tag und eine Streetart-Walking-Tour, um das herauszufinden.
Brooklyn, dessen Größe jene von Manhattan noch deutlich übertrifft, ist zu 90 Prozent eine laute, stinkende, weitläufige Großstadt. Aus der Bodega schallt puertoricanischer Raeggaeton, ein Laster hupt einen Radfahrer von der Straße, der Geruch von Abfall und Essen liegt in der Luft. New York City könnte ein weiteres Beispiel dafür sein, wie sehr die Supermacht sich manchmal nach Entwicklungsland anfühlt. Gleichzeitig jedoch auch das: Wenn du hinter die Dschungellandschaft aus Beton und Stahl guckst, findest du das Bushwick Collective, der jüngste der hipwerdenden Bezirke, wo alternative Bars und lokale Shops erblühen Street Art jeden Tag neu erfunden wird. Diese farbige Vielfalt von Sprühdosenkünstlern beschreiben zu wollen, wäre müßig – wozu gibt es Fotos.

Ich habe meine knappe Woche in New York City versucht, den „anderen“ Bezirken zu widmen. Kein Times Square, keine Freiheitsstatur, kein Empire State. Was ich entdeckte: Die unfassbare Vielfalt der Kulturen. Ein paar Tage kam ich bei Verwandten eines kolumbianischen Freundes unter, ein farbenblinder Pilot, mit dem ich mich auf Spanisch über die Auswirkungen der Drohnentechnik auf das Pilotentum unterhielt. Er lebt in Flushing, dem Chinatown von Queens. Geht man die Mainstreet hinunter, sieht man mehr asiatische Schriftzeichen als Englische, an Straßenständen werden vietnamesische Spezialitäten verkauft, der Zeitungsautomat hat drei Papiere in Mandarin und eins auf Englisch zur Auswahl. Ich esse frittierte Milch und höre chinesischen Hip Hop. Es gibt einen gigantischen Park, vielleicht größer als der Central Park, errichtet für eine Weltausstellung. Ein überdimensionaler Globus ragt über die Highwayumströmte Parklandschaft.

Mitte der Woche ziehe ich in ein Hostel im westlichen Brooklyn um, nur wenige Blöcke vom stark gentrifizierten Williamsburg entfernt. Latinos sind hier nur die Bauarbeiter, farbig vor allem die Bedienungen in den Cafés, die Espressosmoothies und Superfood-Frucht-Becher für überteuerte Preise verkaufen. Eine Einzimmerwohnung kostet hier günstigstenfalls 700.000 Dollar. In der Straße meines Hostels merkt man davon nichts – einige verschlungene Highways, Metrolinien und mülltütenüberfüllte Hauseingänge liegen dazwischen.
Einmal fahre ich doch nach Manhattan rein. Das 9/11-Memorial hatte ic bisher noch nicht gesehen, es hat ein großes Museum darunter. Bruchstücke zweier kaputten Wolkenkratzer. Ich frage mich, ob es dem gerecht wird. Die Bedeutung kommt erst bei den vielsprachigen Erinnerungstafeln Hinterbliebener. Ich frage mich nicht mehr.
Schließlich konnte ich mir einen jahrelangen Traum erfüllen und am New Yorker Poetry Slam im Nuyoricans Poets Café auftreten. Anders als in Deutschland finden sich auch hier tausend Kulturen wieder – vor allem aber Leute aus der Bronx. Ihre Texte sind kurz, das Limit sind strenge drei Minuten, aber sie brennen. Sie schreien ihre Wut auf die Verhältnisse heraus. „The Ghetto loves you back, if you like it or not“, sagt einer, der andere erzählt von seinen Jahren im Gefängnis, der dritte vom Überlebenswillen seiner jüdischen Kultur. Ich komme mir ein bisschen banal vor mit meinen Texten, oberflächlich im Vergleich.

Heute nun ist mein letzter Tag, am Abend geht mein Flug zurück nach Europa. Was bleibt? Ein Kopfschütteln über die Traurigkeit der Dinge, eine Tasche voller Inspiration, eine Schalllatte von Biggie Smalls und ein gutes Bisschen Rückkehrerfreude auf Berlin.

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