Campusleben

Campusleben

„Wenn du mich vor fünf Jahren kennengelernt hättest, würdest du mich nicht wiedererkennen. Ich war ein richtiger rightwing-conservative Republican“, sagt Shadow, während wir in dem eindrucksvollen Hauptgebäude der Universität den Prunk eines einstigen Sommerhauses bestaunen. Ich schaue ihn ungläubig an. Shadow ist heute so ziemlich das Gegenteil des rechtskonservativen Republikaners. Er verbringt sein Leben in Anthropologieklassen und Soziologieclubs, versucht (vergeblich) seine Eltern vom aktuellen Stand der Genderdebatte zu überzeugen, schüttelt traurig den Kopf über die derzeitige Klimapolitik und überlegt, zusammen mit seiner undocumented Freundin nach Europa auszuwandern, um seinem jetzt 4-jährigen Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. „Was ich in der Soziologie gelernt habe, hat mich einfach verändert. Und die Reise nach Europa letztes Jahr.“
Es war dort, wo ich Shadow kennengelernt habe, zusammen mit einer Gruppe seiner Universität, die damals Osteuropa bereiste. Diese Woche führt er mich auf dem Campus herum und agiert als eine Art Personal Assistant für mich, während meines Aufenthalts an der Uni. Er zeigt mir die pompösesten Uni-Toiletten, die ich je gesehen habe, erzählt ausgeschmückte Geschichten über den Präsidenten der wohlhabenden Privatuni und bereitet mich auf jeden Kurs vor, den wir zusammen betreten. Wenn ich vom Mittagessen komme, wartet er schon auf mich, er stellt mich quasi im Vorübergehen der halben Fakultät vor und wenn ich ihn Shadow nenne, dann nicht, weil er substanzlos wäre, sondern weil er auf beruhigende Weise immer da ist, je nach Stand der Sonne mal voraus und mal hinter mir, aber wenn er weg ist, irritiert das ein wenig. Als wir in der Cafeteria zu Mittagessen, bekommt er eine Nachricht einer Professorin: Eine ihrer Studentinnen sei von den Eltern aus dem Haus geschmissen worden (vermutlich, weil sie LGBQ ist), ob er sie heute Nacht kurzfristig aufnehmen könne. Er seufzt und sagt ja. Shadow ist vielleicht ein kleines bisschen zu gut für die Welt.
Die Woche vergeht schnell. Nach einem langen Spaziergang durch das Jersey-Shore-Städtchen stelle ich fest, dass es am Campus deutlich interessanter ist – alleine, weil man dort (anders als in der Stadt) auch Menschen außerhalb von Autos sieht. Die Bedeutung des Campuslebens in den USA wird mir einmal mehr bewusst: Der Kontrast zum Rest der Gesellschaft ist einfach so viel größer. Das Angebot an kulturellen Aktivitäten, Studentenzeitschriften und -radios und Vereinen übertrifft jenes vom Rest der Stadt um ein Vielfaches. Wer ein spannendes, anspruchsvolles und kulturelles Leben haben will, zieht auf den Campus. „Eine Studentenwohnung mit vier Leuten in einem Zimmer kostet hier gut 12.000 Dollar im Jahr“, erklärt Shadow, „jetzt wohne ich außerhalb, mit einem Zimmer für mich, da spare ich locker 3.000. Aber mir fehlt das Leben hier schon ein bisschen.“
An einem Abend treffe ich fünf andere ehemalige Studenten des 2016er-Trips. Alle haben Großes vor, allen traue ich das zu. Auf die Frage, was sie damals am Meisten verändert hat, sagt jeder von ihnen zuerst „Auschwitz“.

Neben Shadow verbringe ich die meiste Zeit mit Prof. Broadview. Ich habe sie noch als Soziologieprofessorin kennengelernt, inzwischen ist sie Dekanin ihrer Fakultät. Es heißt, in Kursen sei sie die härteste Professorin, und wenn ich sie Broadview nenne, dann, weil sie ihren Horizont weit jenseits aller physischen Grenzen erweitert hat. Und den Überblick behält. Sie vernetzt mich mit Leuten des Nachhaltigkeitsinstituts und Soziologen, Creative Writing-Profs und Communications-Club Leitern. Ohne sie wäre ich nicht hier, und wenn ich (wie der derzeitige Plan aussieht) 2019 für einen umfangreicheren Aufenthalt samt Guest Lecturing eingeladen werde, dann habe ich auch das Broadview zu verdanken.
An einem Abend gehen wir mit ihrer Frau zusammen in eine Brauerei, die beweist, dass das Reinheitsgebot nicht nur Vorteile hat – Das Apple Pie Bier wäre jedenfalls jeden Regelbruch wert. „Wie ist das mit den rechtsextremen Parteien in Europa? Ist es wirklich so schlimm, wie man gerade hört?“, fragt sie mich, und ich weiß es nicht. „Am Sonntag wissen wir mehr“, antworte ich, und wir wissen, dass durch Umfragen errechnete Ergebnisse nicht immer zum gewünschten Ende führen. „Ist es historisch gesehen nicht seltsam, dass wir jetzt über die Hoffnung in Deutschland als Anführer der freien Welt reden?“, findet Broadview, und wir baden ein bisschen in Hoffnung. Dann reden wir über witziges Teenagerverhalten, gute Biere, vegetarische Küche und ihr Tandem-Rad. Manchmal sind die kulturellen Gemeinsamkeiten über einen Ozean hinweg kleiner als jene zum brandenburgischen Dorf.

Es ist ja unserer Tage ein häufiger Sport in Deutschland, über die Verhältnisse in den USA zu lästern. Und wenn man an der allgemeinen Auto-zentriertheit, dem allgegenwärtigen Wegwerfgeschirr und dem massiven Kontrast zwischen absurdem Reichtum und Entwicklungsland-Flair-Innenstädten verzweifelt, wäre es leicht, dieses Klischee zu bestätigen. Aber natürlich ist das nicht alles. Natürlich sind da der hochengagierte Umwelt-Dude, der den ganzen Tag über den Campus läuft und Leute für Aktivitäten zu begeistern versucht. Die gerade 21-Jährige, die in Masterkursen über die gedankliche Trägheit anderer Kommilitonen verzweifelt und eine Undercover Law Enforcement-Karriere anstrebt, weil es da mehr Leute mit der richtigen Einstellung braucht. Shadow, der den rechtskonservativen Ursprüngen seiner Familie allein durch Intellekt den Rücken gekehrt hat. Und Broadview, die dafür sorgt, dass andere Professoren ihre abgeschotteten Disziplinen verlassen und von Idealen getriebene, und doch objektive Wissenschaft einen festeren Stand bekommt.
There is always hope.

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