Wohnwagen und Worte

Wohnwagen und Worte

 

Die Grillen zirpen, neben uns die Frösche im Teich. Das Lageefeuer knackt, es nieselt leicht. „Hast du noch genug Whiskey mit Kaffee mir fällt ein ich sollte uns mal langsam was zu Abendessen machen die Küche ist ja nicht so groß bleib nur sitzen ich mach das schon“ sagt der Drehbuchautor, der ständig den Faden verliert und in einem unnachahmlichen Tempo durch die Themen unserer Unterhaltung rast. Gerade waren wir noch bei seinem Script, jetzt bei Genderthemen in Komödien, gleich bei seiner Exfreundin. Er hat keinen roten Faden, sondern ein ganzes Netz. Manche der Fäden greift er später wieder auf, wenn man sie fast vergessen hat. Andere nicht. Als er in die millimetergenau angepasste Küche geht, lässt er versehentlich einige der Fäden vor der Treppe seines Tiny-House-Wohnwagens liegen. Vielleicht stolpere ich darüber, wenn mein Whiskeykaffee leer ist.

Nach einem ereignislosen Flug, und einer problemlosen Einreise (bei der die Zollbeamten nur mein kleiner Rucksack wunderte) hatte ich einen Mietwagen abgeholt, verpasste nur zwei Highway-Ausfahrten und erreichte schließlich Parksville. Nun, eigentlich zunächst nur die Tankstelle an der Highwayabfahrt, denn eine genauere Adresse hatte ich noch nicht. „Meine Straße hat noch keinen richtigen Namen, ich hole dich einfach da ab“, hatte der Spinnenetz-Drehbuchautor gesagt, und ich war froh, dass man beim Immigration-Prozess nicht nachgefragt hatte. Nachdem ich eine Weile an einer Hillbillytankstelle neben verfallenen Diners mitten in den Catskills gewartet hatte und schon den besten Anfang meiner Reise in die Staaten erwartete, sammelte er mich schließlich auf und fuhr voran zu seinem neuen Zuhause. Er ist ein alter Bekannter – vor drei Jahren hatte er mich und meine damalige Begleitung Chili per Couchsurfing untergebracht. Damals wohnte er noch deutlich näher an der City, in einem lebendigen Städtchen in New Jersey. In der Zwischenzeit besuchte er mich einmal in Berlin, und so stand außer Frage, dass ich die junge Tradition aufrecht erhalte. Ich wusste nicht, was mich erwartete:
„Ich dachte immer ich muss mit dem Hausbauen und so warten bis meine Karriere besser läuft aber dann merkte ich, dass das Unsinn ist und vielleicht sogar umgekehrt und eigentlich brauche ich alleine ja auch gar kein großes klassisches Haus“, erzählt er, während er mich durch seinen nur rund 10 Meter langen Wagen führt, der von innen zu einer Wohnung mit drei Betten, voll ausgestatteter Plattensammlung, Ofen und Blockhauscharme ausgestattet ist. „Viele fragen mich, ob ich nicht einsam bin hier draußen auf Dauer, aber ich hab ja Internet, und wenn ich schreibe bin ich eh viel alleine da komme ich mit klar, hatte ich noch nie ein Problem mit , hast du noch Hunger?“
Es ist der perfekte erste Tag. Am nächsten Morgen wache ich mit Blick auf die nebelumwobenen Berge auf und trinke Kaffee zwischen Libellen am Teich. Wir gehen ein paar Stunden in den Catskills wandern und begegnen keiner Menschenseele, „hier hört die Welt plötzlich auf“ sagt der fadenlose Drehbuchautor, nachdem sein Pick-up die befestigten Straßen hinterlassen hat. Die Wälder sind still, im Feuerturm über den Gipfeln hören wir nur den Wind um uns brausen. Wir sind nur zwei Stunden von Manhattan entfernt.

Abends fahre ich zurück nach Jersey City: Bei dem gemütlichen Jersey City Slam mit meinen englischen Texten auftreten. Eine Weile sorge ich mich, wegen des Zeitlimits – das ist in den USA rund 2 Minuten kürzer als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Praktischerweise betrifft mich das nicht: Ohne so Recht damit gerechnet zu haben, bin ich heute Abend Feature. „Extra aus Berlin!“ – „Das ist in Deutschland“, ruft die Comoderatorin dazwischen; muss man ja klarstellen, es gibt schließlich auch ein Berlin in Ohio. Poetry Slam in den USA ist anders als bei uns: Kleiner, ernster und persönlicher. Von 10 Auftretenden schreiben 9 über ihre persönlichen Probleme, 100% offen. Selbstmordgedanken, Rassismus, Magersucht. Auch der Stil ist eigen: Lyrisch, aber in einem ganz eigenen Duktus. Unabhängig davon: Sie waren alle sehr gut. Als wir über die Unterschiede zur deutschen Szene plaudern, weiß ich kaum, wo ich anfangen soll. Kein besser oder schlechter, einfach ein sehr anderes Ding.

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