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Monat: Dezember 2014

Amsterdam des Nordens: Die Stadt der Hippies, Räder und Freizeitparks

Amsterdam des Nordens: Die Stadt der Hippies, Räder und Freizeitparks

Pusher Street Regeln
In der Pusherstreet sind Fotos und schnelles Laufen unerwünscht. Denn so ganz legal ist es eben doch noch nicht. Aber irgendwie auch nicht mehr so ganz illegal. An Ghetto-style Tonnenfeuern stehen halbvermummte Gestalten, die der Schlange stehenden Kundschaft Marihuana verkauft, der Geruch frisch angezündeter Joints durchweht den „Green Light District“. Mitten in Kopenhagen, auf einem alten Militärgelände, fühlt man sich jenseits der Regeln der EU und überhaupt der Mainstreamgesellschaft, man versucht sich in Utopien und produziert europaweit bekannte Lasten-Fahrräder. Die drei gelben Punkte der eigenen Fahne hängen lokalpatriotisch an allen Ecken und am langgezogenen Ufer des Flusses sammeln sich selbstgezimmerte Häuser und verzierte Bauwagen, in denen die Hippies und Hausbesetzer der 70er (und sicher auch einige jüngere) es sich beinah konservativ (Gardinen und Eigenheim) gemütlich gemacht hat. Christiania ist eine Stadt in der Stadt, und die Pusher-Street nur eine von vielen Facetten. Ich verbringe einen Nachmittag damit, in einem vegetarischen Restaurant einen herumliegenden utopischen Kurzroman zu lesen, wundere mich über eine alternative Gesellschaft, die zwei Pferde in 20 Quadratmetern einzäunt und schwanke zwischen Bewunderung und Verwirrung. Es gibt vermutlich wenige Orte in Europa, die so konsequent anders sind.
Wie man wohnt in ChristianiaDie Stadtfahne

Aber auch jenseits der Grenzen Christianias bietet Kopenhagen Grund für die Bezeichnung „Amsterdam des Nordens“. (Norweger schauen nach Kopenhagen wie Deutsche nach Norwegen – voller verklärter Begeisterung). Breite Fahrradwege ermutigen die ganze Stadt selbst im Winter noch, mit Miet- oder Lastenrädern oder ganz klassischen Stadträdern an den Kanälen entlangzubrausen, und mitten in der Stadt, gleich neben dem Hauptbahnhof, erklingen die Schreie von Achterbahnfahrenden Kindern im zweitältesten Freizeitpark der Welt, „Tivoli“.
Ich hatte auf meiner Rückfahrt aus Oslo per Fähre einen zweitägigen Zwischenstop in Kopenhagen gemacht, bevor ich mit dem Bus nach Berlin fuhr, und übernachtete zwei Tage bei einer sympathischen Couchsurferin, die noch nicht wusste, dass man Tofu am besten würzt und brät. Die zwei Tage vergingen zügig mit Christiania, einer Stadtwanderung und einer einstündigen Suche (dank verzweigter Kanäle am Hafen, unfertiger Brücken und krummer Wege) nach einem riesigen Schiffscontainer voller Streetfoodstände.
NyhavnTivoli leuchtetHans Christian Anderson

Und dann ging es zurück nach Berlin, wo ich mich nun in sonnigem Wetter über langes Licht am Abend freue, über bekannte Gesichter und Straßen. Und auch wenn ich erst ab Januar wieder in meiner altbekannten Wohnung bin, ist es doch schön, wieder zuhause zu sein. Denn so schön jede Reise ist, das Nach-Hause-kommen ist doch irgendwie genauso schön.

Freunde, Schnee und Abschiedsnächte

Freunde, Schnee und Abschiedsnächte

Auf dem Deck eines elfstöckigen Schiffes stehend blicke ich auf die in der Nacht verschwindenden Lichter Oslos zurück, die mit jeder Minute mehr von der Dunkelheit von Himmel und Wasser verschluckt werden. So bereit ich inzwischen auch für den Heimweg bin, ein wenig schwermütig werde ich doch schon. Man lässt eben immer ein Stück Herz zurück. Erdwind hat mich noch zum Hafen gebracht, nachdem ich die letzte Nacht bei ihm Unterschlupf gefunden hatte (mein Mietvertrag ging nur bis gestern), und wir mit seinem Cousin und dessen Fast-Freundin absurd teures Kino bezahlt haben, uns über Styropor-gleiche bunte Süßigkeiten lustig machten und nachdenklich aus „Interstellar“ wieder rausgingen. Es war schön, den letzten Tag noch mit ihm zu verbringen, der in den Monaten meiner Zeit hier zu einem guten Freund geworden ist – noch mehr als der ganze andere coole Haufen vom SUM-Studiengang. Mit denen war ich letzte Woche erfreulicherweise noch auf einem Cabin Trip, den wir gemeinsam in eine Studentenhütte nördlich von Oslo organisiert hatten. Schon auf dem Weg dorthin (im Bus) begann es zu schneien, und wir freuten uns kindisch, dass wir dann dort oben vermutlich Schnee liegen haben würden (der erste Richtige des Jahres). Nachdem wir dann beinah fünf Kilometer dem Weg zur „Studenterhytta“ gefolgt waren, im dämmrig werdenden wunderschön weißen Wald, stellten wir fest, dass wir durch diverse Umstände aneinander vorbeigeredet hatten – und eigentlich zu der „OSI“ (Osloer Studenten I…-keine Ahnung wofür das I steht) Hütte mussten. Zm Glück gab es außer dem absolut anderen Weg von einer gänzlich anderen Haltestelle auch noch einen Shortcut zwischen den beiden, der nur 1,5 zusätzliche Kilometer war. Die jedoch durch inzwischen nächtlichen Wald, mehr Trampelpfad als Weg, voller frischem Schnee und Matsch. Irgendwann sahen wir dann unsere Hütte zwischen den Bäumen aufglimmen und erstürmten begeistert den letzten Hügel zu unserer Unterkunft für zwei Tage. Wir hatten eine großartige Zeit voller advanced-Versteckspiele im Wald, Sauna-Gänge (mit im Schnee wälzen!), Gruppenspiele, gemeinsamen Kochen und Grillen im Kaminfeuer, Spaziergänge an schneeumringte Seen und einem famosen Sonnenuntergang, den wir dank Bäume vor unserer Hütte nur halb sahen. Letzten Samstag kam der Großteil dieser Clique dann auch zu meiner kleinen Abschiedsfeier „zum Sonnenuntergang um 15:00 auf meiner Dachterrasse“. (Tatsächlich). Leider war es bewölkt, man sah nicht so viel vom Sonnenuntergang, aber wir standen trotzdem drei Stunden frische Winterluft mit heißer Schokolade und Rotwein auf der Terrasse durch bevor wir uns in die Küche verzogen. Ein wahres Füllhorn an famosen Abschieds-Situationen, sozusagen.

Ich im ersten norwegischen SchneeCabintrip-Leute
Erdwind fotografiert Schneewunder

Nun lasse ich also nach vier Monaten Norwegen hinter mir und komme der Heimat langsam wieder näher – einen Zwischenstopp gibt es nur in Kopenhagen, wo mein Schiff morgen früh anlegt und ich Dank Couchsurfing auch schon eine Unterkunft habe. Da bleibe ich dann zwei Nächte (und werde euch sicher davon erzählen), bevor es per Bus wieder nach Berlin zurück geht. Die Zeit ging schnell und nicht schnell zugleich, je nachdem mit wem ich sprach – und so freue ich mich furchtbar, wieder zuhause zu sein, und bin zugleich traurig, Freunde wie Erdwind nicht mitnehmen zu können. Aber hey – Oslo ist ja nur eine Fährenfahrt (und einen Bus) entfernt.

Banksy-KopienPS: Irgendwann war ich auch noch auf einem Wohnzimmerkonzert mit dem Motto „Dress as a famous painting“. Darunter diese herrliche Banksy-Kombination: