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Monat: November 2014

Zu viel Nacht in Schweden

Zu viel Nacht in Schweden

Stockholm bei Nacht
Es ist 15:45, ich komme aus einem Museum / einem Café / einer Metro / (ersetze durch beliebiges Gebäude), und aus der Dämmerung ist in wenigen Minuten finstere Nacht geworden. Ich fühle mich sofort, als müsste ich abendessen und/oder schlafen gehen, auf jeden Fall nicht wie: ich habe noch den halben Tag vor mir. Seltsame Stimmung. Zum Glück bin ich aber in Stockholm, und das ist ein bisschen wie Prag (nur in teuer).Das Prag des Nordens
Das heißt: hübsch beleuchtete Altstadt und angenehme Cafés in „SoFo“, viele Museen und 19.-Jahrhundert-Flair. Wie, was Stockholm, war der nicht gerade noch in der anderen skandinavischen Großstadt? Nun ja, die Bahn braucht kaum 6 Stunden in die deutlich größere, schwedische Metropole, und da dachte ich mir, schreibe ich mein Paper doch einfach mal wieder in der Bahn und schau mir Stockholm an, nachdem die vorige Woche in Oslo großteils unspektakulär war (naja, abgesehen natürlich von der Osloer Poetry Slam Meisterschaft im NordicBlackTheater, bei der ich mit norwegischem Text antrat – ein Video davon kommt noch bei nächster Gelegenheit).
Was tut man also in Schweden, wenn nach einer angemessenen Aufstehstunde (vor 8:30 ist ungültig) nur eine Handvoll Stunden Licht übrig bleibt? Hier also ein paar Tipps für Lichtarm in Stockholm:

Das ist Fika– Sich mit einem Buch aus dem fantastischen Science-Fiction-Buchladen in der Altstadt in eines der zahllosen Cafés setzen und „Fika“ machen: das ist die schwedische Nachmittagstradition aus Kaffee + Süßgebäck (meist Zimtkringel), die gerne von 12 bis 17 Uhr ausgedehnt wird

– Sich ein 1,5-Stunden-Ticket holen und die blaue Metrolinie langfahren, an jeder Station aussteigen, Untergrund-Kunst im wahrsten Wortsinne betrachten und dann die nächste Bahn nehmen
Die Schatten der Metro-ErbauerUntergrund(bahn)-Kunst

– Museen, Museen, Museen („Die schwedische Sünde“ im Spirituosenmuseum, „Aberglaube und Okkultismus im 19. Jahrhundert“ im Hallwylska und das eindrucksvollste 17.-Jahrhundert-Kriegsschiff das niemals jemanden beeindruckt hat und nach 20 Minuten auf der Jungfernfahrt sank im Vasa-Museum)
Im Hallwylska Museet...und sein Modell
Das eindrucksvollste Schiff das niemanden beeindruckte

Stadtfreie Luft

– Möglichst früh zum Tyresta-Nationalpark fahren und vier Stunden auf leichten Wegen in herrlicher Ruhe um Seen wandern (nicht, weil man nach 4 Stunden nicht mehr wollte / könnte, sondern weils dann dunkel ist)
Wenige Lichtstunden im Nationalpark
– Im Jugendstil-„Centralbadet“ fünf Stunden lang thermen, saunieren und schwimmen gehen ohne auch nur einen Funken Licht zu verpassen
CentralbadetStockholm Centralbadet (2)

– „Hipster-Bingo“ in der „So-Fo“ genannten Südstadt spielen oder in der Altstadt nach drei Minuten aufgeben, die Touristen zu zählen, und dann einfach in beiden Vierteln auf Plätzen sitzen und die bald hübsch beleuchteten Straßen und Brücken in der Dämmerung aufgehen sehen.
Stockholms AltstadtLangzeitbelichtungsselfie

Jetzt bin ich wieder in der Bahn auf dem Rückweg nach Oslo, das mit Sicherheit inzwischen ähnlich dunkel wird ? aber da ich in den verbleibenden zwei Wochen ohnehin noch einiges für mein Uni-Paper zu schreiben habe, wird das wohl kaum stören. Der Winter kommt mit jedem Tag schneller und bedeckt Skandinavien vorerst nur mit der schwarzen Nachtdecke (Schnee gabs bisher nur als Vorgeschmack), und auch wenn das natürlich ganz schön sein kann, bin ich doch ganz froh, dass ich nicht die volle Tiefe dessen im Januar und Februar miterleben werde…

Wir haben eine Brücke gebaut. Hugh!

Wir haben eine Brücke gebaut. Hugh!

Eigentlich war es ein ganz schöner, einfacher Wanderrundweg. Nachdem wir unserer Nase nach von der Smedmyrkoia-Hütte weiter bergan gelaufen waren und auf gutdünken abbogen, wo es schön erschien, erreichten wir eine Stelle, die laut Beschilderung mit ziemlicher Sicherheit in Kürze zur Hütte führte. Dann kamen wir jedoch an einen Bach, der dank dem Regen der letzten Tage nicht mehr so leicht zu überqueren war wie wohl zu Zeiten der Wegauszeichnung, aber das schreckte uns natürlich nicht, und so hüpften Chili und ich an einer etwas weniger tiefen Stelle über Steine und hinzugeworfenes Astwerk auf die andere Seite. Froh über die gelungene Überquerung gingen wir weiter – und erreichten keine fünf Minuten später einen reißenden Fluss, auf dessen anderer Seite die blauen Wegmarkierungen unbekümmert weiterfuhren. Direkt über einem kleinen, aber schnellen Wasserfall lag ein alter, rutschiger und in der Mitte halb gebrochener Stamm, der wohl einst als Brücke gedient haben musste, nun aber alles andere als geeignet dafür war. Um die Geschichte kurz zu machen: Chili entdeckte einen bereits gefällten Stamm am nahen Hang, den wir kurzerhand zum Flussufer hinunterschleiften und über den Wasserfall wuchteten. Eine einfache Überquerung hätte natürlich anders ausgesehen (wir saßen auf dem neuen Stamm, die Füße auf dem alten, und robbten langsam hinüber), aber hey: wir hatten eine Brücke gebaut!
Aber das war natürlich nur die aufregendste der vielen Dinge, die Chili und ich in der Woche ihres Besuches in Oslo erlebten. Wir hatten laufenderweise vermutlich jedes Viertel Oslos durchquert und uns am selten sonnigen Montag zu einer kleinen Wanderung in der Østmark aufgemacht. Laut der Karte der Wandervereinigung sollte dort eine Hütte zum Übernachten etwa 4,5 Stunden von der Metrostation liegen, also buchten wir selbige, packten unsere Rucksäcke und wanderten durch die wunderschöne Natur und furchtbar matschige, steile Pfade. Doch der Weg zog sich, und als wir den ersten einsamen Wanderer fragten, wie weit es noch bis Vangen sei (nur ein Zwischenstopp!), meinte er „Ui, das ist weit, so 2-3 Stunden sicher noch“. Da waren wir allerdings auch schon 2-3 Stunden unterwegs. Die Sonne sank immer tiefer, die Wege wurden immer matschiger, und es wurde immer offensichtlicher, dass die Karte ein kleines bisschen außer Maßstab war. (Für die ersten 5 Kilometer waren 2 Stunden angesetzt – was wir auch ungefähr schafften – für die folgenden 10 km eine Stunde…) als der Sonnenuntergang sehr absehbar wurde (der, von einer Anhöhe ausgesehen, auch sehr entschädigend schön war), entschlossen wir uns, der nächsten Abbiegung nach Sandbakken zu folgen, wo wir hofften, irgendein lebendes Wesen und eine Möglichkeit zur Übernachtung zu finden. Herrje waren wir glücklich, das elektrische Licht des großen Hauses zwischen den Bäumen hindurchblitzen sahen. Es war aber leider nur die norwegische Angewohnheit, auch bei Abwesenheit einfach alle Lichter brennen zu lassen, und so mussten wir letztlich noch eine halbe Stunde dranhängen, um zum nächsten Parkplatz am westlichen Ende der Østmark zu gelangen (immerhin auf leichterer Straße), von wo uns zum Glück ein später Jogger mit dem Auto zurück nach Oslo heimnahm.
Nach dieser Enttäuschung nahmen wir uns vor, es am Donnerstag noch einmal mit einer anderen Cabin zu versuchen, und so landeten wir Dank Metro, Bus und einer einstündigen Wanderung (die sehr viel leichter war) bei der hübschen Smedmyrkoia-Hütte in der Nordmark. Hatten wir sie die erste Nacht zwar für uns allein, bekamen wir doch Nachmittags Besuch von vier Wanderern mit Hund, die sich ihr Abendessen in der Hütte kochten, und am Abend versorgten wir eine Gruppe verrückter Outdoor-Fetischisten, die in Hüttennähe im Regen zelteten (und Feuer machten!), mit Heißgetränken und einer Ofengeheizten Hütte. Als wir am zweiten Tag von unserer Wanderung und Brückenbauaktion zurückkamen empfing uns ein prasselnder Ofen und vier Deutsche, die für die Nacht die Hütte mit uns teilten. Trotz Abgeschiedenheit konnte von Einsamkeit also selbst im verregneten Oktober keine Rede sein!
Und jetzt noch ein paar hübsche Bilder von dem Spaß:
Chili bei den MathallenIrgendwo in der ØstmarkEiner von tausend ØstmarkseenBelohnender SonnenuntergangStausee in der NordmarkRegenwanderungAufwärmen in unserer CabinDie SmedmyrkoiaRegen-Wald.Vor der BrückeNach der BrückeFlüsse bei SonneDer gleiche Stausee in Schönwetter