Von alter Königsstadt ins Herz des Financial Districts

Von alter Königsstadt ins Herz des Financial Districts

Auch wenn meine Gastgeberin meinte, es gäbe nichts zu sehen in
Kingston, so bewies die Stadt in den knapp zwei Tagen meines
Aufenthaltes doch das Gegenteil. Die Businessstudentin selbst
geleitete mich durch die alte Queens-Universität, die schon mehr Jahre
auf dem Buckel hat als der Staat Kanada. Die Walking Tour „in
Footsteps of John A.“, (womit der erste Kanadische Premierminister
gemeint ist, John A Macdonald) tat ein Übriges, indem eine
Schauspieltruppe die Historie der Fast-Hauptstadt in Songs und
Charaktere packte. Doch die Liste geht weiter mit riesigem Farmers
Market, „The Producers“-Musical, kostenloser Inselfähre und guten
Buchläden, so dass es schon ein bisschen schade war, am Sonntag Abend
(nach ein wenig Busverbindungs-Irrungen) in die überteuerte Bahn nach
Toronto zu steigen.
Im strömenden Regen hechtete ich, die drei unhandlichen Radtaschen
über die Schulter geworfen, zum „The One“, einem preiswerten und sehr
alternativ gestalteten Hostel/Cafe/Bar. Meine Sorge, nach 11 Uhr
Abends nicht mehr einchecken zu können (was online so stand) war zum
Glück unberechtigt und so konnte ich schon kurz darauf auf der
überdachten Terasse mit ein paar anderen Gästen den prasselnden Regen
über den Dächern der Stadt betrachten.
Da am Montag Abend meine Schwester eintreffen sollte, nahm ich mir für
den Tag nichts vor, als ziellos durch die Stadt zu schlendern, wobei
mich eine holländische Artificial-Intelligence-Studentin begleitete,
die ebenfalls gestern Abend angekommen war. Nach einem ungeplanten Tag
voller erfundener Geschichts-Facts, zufälligen Vorbeistolpern in der
„Graffity-Alley“ und dem irgendwo zwischen hipster und Dumpster
liegenden Kensington Market entschlossen wir uns, das Fehlende am
nächsten Tag mit meiner Schwester zu ergänzen, die ich am frühen
Abend aufsammelte.
Ab diesem Abend konnten wir erfreulicherweise bei einem Couchsurfer
bleiben, einem indischen Koch, der bis Januar sieben Tage die Woche in
zwei Jobs arbeitet, um dann drei Monate dem kanadischen Winter zu
entfliehen und auf Reisen zu gehen. Sein Appartment liegt zwar gute 40
Minuten vom Stadtzentrum entfernt, aber über eine kostenlose Couch
will man sich ja nicht beschweren, und dass er dazu noch nach seinem
harten Arbeitstag Zeit fand, uns ein wenig durch die Stadt zu
geleiten, spricht noch mehr für ihn.
Zum Dienstag waren wir (meine Schwester, ich und unsere kurzerhand zur
Truppe aquirierte Holländerin)
kurz davor, den berühmten CN Tower (einst das höchste Gebäude der
Welt, auch wenn wir ihn erst kaum als solchen wahrnahmen – er schien
mit jedem Mal wo wir ihn sahen gewachsen zu sein) hinaufzufahren.
Erschrocken vom Preis entschieden wir uns, dass es sicher noch
irgendein hohes Gebäude gebe, wo man hoch könnte. Das sollten wir am
Abend auch schaffen (nach ausgiebigem Schlendern durch Kensington, den
Hafen und das Retro-stylische Distellery-Viertel) – durch ein Dreistes
Erfragen beim Trump Tower, wo uns der nette Sicherheitsmann
tatsächlich in die Hotelbar im 31. Stock ließ. Uns nur geringfügig
fehl am Platz fühlend holten wir uns alkoholfreie Cocktails in der
Preisliga eines gutbepreisten Schnapscocktail in Normalsterblichen-
Bars und genossen vom luftigen Patio aus den Blick auf die
nachtlichternden Wolkenkratzer des Financial Districts.
Heute verbrachten wir unseren letzten Tag in Toronto zunächst damit,
dem Lärm und den blickbegrenzenden Glastürmen auf dem Wasserweg zu
entfliehen und auf den Toronto-Islands umherzustromern, im eiskalten
Lake Ontario zu schwimmen und gerade rechtzeitig vor einem
sintflutartigen Regen auf die Fähre zu flüchten. Zurück auf dem
festen Land schauten wir bei einer (kostenlosen) Gallerie für moderne
Kunst vorbei, wo wir uns therapieren ließen und Toninstalltionen unter
Haarperücken vorfanden und blieben, bis man uns hinauswarf.
(Uhrzeitbedingt)
Erstaunlicherweise hatten wir das Gefühl, von Toronto gesehen zu haben
was wir sehen wollten, und konnten nach dem Abendessen die lange Fahrt
zu unserem Host antreten. Morgen werden wir dann erneut einen
Mietwagen holen und für zwei Tage irgendwo zwischen hier und Windsor
verbringen – wobei wir unsere Holländerin einfach überredet haben,
uns zu begleiten, wo wir schon mal ein Auto und Zelt mit genügend
Platz haben und ihr offenbar noch nicht so sehr auf die Nerven
gegangen sind dass sie sich eine Ausrede gesucht hätte.
Wo genau wir morgen Abend sein werden – wer weiß. Ob ich die letzten
Tage meiner mehrere Wochen andauernden Kanada-Reise genießen werde –
ganz sicher.

One thought on “Von alter Königsstadt ins Herz des Financial Districts

  1. …darf der Name deiner Schwester nicht erwähnt werden? Es klingt so distanziert, wenn es dies sicherlich nicht ist und auch nicht so gemeint ist. Fiel mir nur so auf beim Lesen. Jetzt seid ihr also doch zu dritt- und Schwester J kann ihr holländisch gleich testen und auf die Probe stellen. Noch einen Tag auf der Arbeit, dann hab ich auch meinen wohlverdienten Urlaub und wasche, bügele und packe für Montag… Freu!
    Bis dann, Nanni

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