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Monat: August 2010

Useless Lonely Planet / Por dedo

Useless Lonely Planet / Por dedo

Useless Lonely Planet
Zum ersten Mal bin ich in einer Stadt, in der mein bis jetzt ausserordentlich nützlicher Lonely Planet absolut nutzlos ist: Chancay. Selbst Wikipedia hat da keinen Eintrag zu. Im Lonely Planet-Register findet sich nur die „Chancay-Kultur“ (in einer Auflistung über präinka-Kulturen), ansonsten taucht der Ort nur auf der Uebersichtskarte über die Nordküste als kleiner Punkt auf – nada mas. Entsprechend wenig Ausländer finden sich in diesem Städchen 80 Kilometer nördlich von Lima (etwa 1 1/2 Stunden per Bus) – dafür scheint es umso mehr inländischen Tourismus zu geben, da wir ganze sechs Hostals aufsuchen mussten bis wir ein (erschwingliches) mit freiem Zimmer fanden.
Nach einem leckeren Frühstück bei den Vilcas gestern morgen machten wir uns natürlich später als geplant los zum Terminal Terrestre – das gibt es inzwischen nämlich selbst in Lima ;), an der Plaza Norte und entsprechend in der Nähe zum Hause der Vilcas in Puente Piedra. Nach einigen merkwürdigen Kommunikationsschwierigkeiten mit den Schalterleuten bei Z-Bus kauften wir für je S/ 6,50 ein Ticket nach Chancay und warteten eine halbe Stunde am modernen Terminal – nur die tolle elektronische Anzeige nutzte wenig (stand erst auf 12:30 und als der Bus dann nicht kam, einfach auf 12:45… Abfahrt war um 13:00). Wir erwischten die zwei letzten Plätze während die entsprechend lange Schlange hinter uns auf den nächsten Bus warten musste und kamen am frühen Nachmittag in Huancay an – der Endstation. Von hier aus müssten wir, wie uns der Busfahrer sagte, ein collectivo nach Chancay nehmen, es dauere nur 10 Minuten. Z-Bus fahre da nicht hin. Es waren zwar wirklich nur 10 Minuten, wir fühlten uns aber trotzdem verarscht – v.a. als ich später in Chancay ein Z-Bus-Terminal sah. Cabrones.
Strand von ChancayVon der schicken Plaza aus gings zum Castillo de Chancay, wo wir einen Platz zum Picknicken vermuteten – das touristische Pseudocastel kostet aber S/ 10 Eintritt, und den konnten wir uns zum Picknicken nun wirklich sparen. Am echt mit herrlicher Aussicht gesegneten Hafen breiteten wir unsere Decke am Strand aus und leerten unseren Rucksack begleitet von lautem Meeresrauschen und Vögelkreischen. Ich glaub, ich versteh schon, warum die Limeños hierher zum Entspannen kommen.

30.8.2010, Chancay

Por dedo
Lastwagenfahrer sind tolle Menschen. Ich glaube, wenn ich gross bin, werd ich auch mal Lasterfahrer :). Gestern früh in Chancay aufgewacht, ging es per Micro nach Huanca und von dort per Bus zur Reserva Nacional. Das Castillo sparten wir uns weiterhin, weil da ausser kommerziellen Restaurants, Läden und Clubs nichts sehenswertes zu sein schien. Irgendwo mitten in der Wüste an der Panamericana liess uns der Busfahrer dann raus, mit dem Hinweis, die Reserva sei „caminando por la derecha“ (nach rechts wandern). Da standen wir nun in der Wüste und fragten uns, wo hier ein sehenswerter Nationalpark sein sollte, folgten aber der Wegbeschreibung. Als wir auf der staubigen Strasse ein kleines Auto in unsere Richtung kommen sahen, hielten wir testweise den Daumen raus – und hatten Glück. Der Schönheitschirurg aus Lima mit seiner mexikanischen Frau nahmen uns nicht nur bis zum Eingang mit, sondern gleich zum Beginn des Rundgangs, und schlugen vor, uns wieder mit zurück zu nehmen, wenn wir in einer Stunde wieder da wären. Während wir über den ersten Hügel fuhren, änderte sich die Landschaft rapide – die klare Sicht wurde zum nebeldurchtränkten Tal, die Wüste zur von grüner Vegetation überzogenen Landschaft. Ich in der Reserva NacionalWährend wir von zahlreichem Vogelzwitschern begleitet durch die vernebelten Hügel wanderten und unsere mitgebrachten Früchte verzehrten, passierten wir totenkopf-ähnelnde Felsen und fantastisch obskur-verkrümmte Bäume. Es war den Besuch absolut wert gewesen. Als wir in Richtung des Parkplatzes zurückkehrten, stellten wir fest, dass die Stunde längst vorbei war. Nicht mehr mit unserem Ride rechnend, schlenderten wir den Hügel runter, bis wir das gelbe Auto langsam hinter dem Haus hervorkommen sahen – und rannten natürlich schnell los, was sie tollerweise bemerkten und auf uns warteten, so dass wir doch noch zügig zur Panamericana zurück kamen. Von dort aus wollten wir nun weiter nach Huancho, das etwa weitere 40 km weiter nördlich liegt. Mit viel Glück reagierte noch vor dem amanecer ein wahnsinnig netter Lasterfahrer auf unseren Daumen, ermahnte uns, dass das doch gefährlich sei, und nahm uns bis zu unserem Wunschziel mit. Während wir uns angeregt mit ihm unterhielten, konnten wir durch das Lastwagenfenster- Panorama die Aussicht auf die nächtliche Panam in der Wüste geniessen, während vor jedem Hügel die entgegenkommenden Scheinwerfer die Strasse in diffuses Licht hüllten. Nach etwas längerer Suche fanden wir ein Hostal (das einzige) direkt am Meer, wo wir dank unserer späten Ankunft für nur S/ 20 eine Suite mit Meerblick ergatterten. Nach Chifa-Abendessen in der Stadt konnten wir so in gemütlichen Sesseln mit Meerblick unseren Rotwein trinken und uns bis spät in die Nacht unterhalten.
Nach einem guten Frühstück und einem Geburtstagsanruf bei meiner Ma entschieden wir uns dann dank der guten Erfahrung, wieder per dedo zurück nach Lima zu reisen. Und wieder hatten wir nach nur 15 Minuten Glück mit einem Lasterfahrer, der uns bis an den Rand Limas mitnahm, von wo aus wir dann mit dem Los-Chinos – Stadtbus ins Zentrum kamen. Unterwegs spendierte er uns gar noch ein paar Früchte und erzählte von seinen Erlebnissen in Japan.
Noch am gleichen Abend hatte ich dann wieder „Demografia Social“, und konnte mich ein wenig mit Sergio unterhalten, da der Kurs natürlich wieder bedeutend später anfing. Ob ich mich daran wohl noch gewöhnen werde, oder immer als doofer Deutscher pünktlich zur ausgeschriebenen Zeit da bin?

31.8.2010, Lima

Anmerkung: Alle Fotos von diesem Trip gibts hier: http://rapidshare.com/files/416483858/Fotos_Chancay_Huancho.zip (bitte gebt mir Bescheid wenns bei einem geklappt hat und hebt sie für mich auf!)

Handychaos / Poesia en el Parque

Handychaos / Poesia en el Parque

Handychaos
Jetzt habe ich ja wieder ein Handy, (nachdem ich mein erstes auf der letzten Reise verloren zu haben scheine…), also wollte ich es schnell mal mit S/ 10 aufladen. Karte geholt, *778 zum Aufladen gewählt, besetzt. Besetzt? Ja, besetzt! Supermegaklasse. Mit Hilfe von Pilar (Rosannas Schwester) den Kundenservice angerufen (123, die einzige Nummer die immer klappt), die mir zwar sagen konnten, wie ichs aufladen kann (geht nämlich bei Claro auch per Direkteingabe… für alle zukünftigen Perureisenden: *778#Geheimnummer# und Telefon. geht schneller 😉 ), aber leider kann ich noch immer in keine Leitung und konnte nirgendwo anrufen. Nächster Tipp war „SIM-Karte rausnehmen und wieder reintun“ (hat natürlich nicht geholfen) und mir eine Reklamationsnummer zu geben mit der ich es in 4 Tagen noch mal versuchen könne. Mistverein. Naja, erstmal mit abgefunden, dass ich mit dem Ding wohl nur Anrufe entgegennehmen kann. Ein zugegebenerweise nur halbwegs geplantes Skype-gespräch mit meinem Paps wurde dann auch nichts und ich fühlte mich telekommunikativ gesehen ein bisschen doof 😉
Dafür gehts meinem Magen mittlerweile wieder besser. Gestern auch wieder in der Uni gewesen (Demografia social, immer noch einfach) und abends mit Katty ins Kino gegangen. Nachdem sie natürlich zu spät war, stellte ich beim Versuch, sie anzurufen, fest, dass mein Handy plötzlich einfach doch klappt. Ein Problem weniger.
Heute dann nach knapper, aber gerade noch pünktlicher Fahrt zur Uni, wo ich laut Horario um 3:00 PM Sociologia de la cultura hätte – keiner da. 20 Minuten gewartet, dann echt keinen Bock mehr gehabt. Findet in dieser Uni überhaupt irgendwas statt?! Wir haben jetzt Ende August und ich hatte bisher nur 2 (!) eher wenig produktive Klassen! Hätte ich das gewusst, hätte ich auf das teure Apartment hier im August verzichten können, gleich erst ab September in die Wohnung einziehen und den ganzen August reisen können! (und wäre durch die gesparten 750 Soles kaum teurer dran gewesen). So ein Scheiss. Aber hätte, hätte, Fahrradkette, wie Torben so schön sagt. …nicht dass es mich stört, die Zeit des Unterrichts frei zu haben – es stört, so was nicht vorher zu wissen. Vaya. Was solls.

27.8.2010, Lima

Poesia en el Parque
Um mir abends nach dem unnützen Tag mal ein bisschen mehr die Stadt anzusehen, ging es nach Miraflores. In Richtung des Parque Kennedys schlendernd traf ich im Parque Central auf eine Menschenmenge um einen kleinen, aulamässig abgesenkten Platz, in dessen Mitte ein mit Mikrofon ausgestatteter Herr dem Publikum ein Gedicht vortrug… ein Blick reichte, und ich war gefesselt, reihte mich in die Gruppe der Zuhörer ein und lauschte den Texten verschiedener Dichter: meine Augen leuchteten und ich muss übers ganze Gesicht gegrinst haben, dass man mich für die Grinsekatze von „Alice“ hätte halten können. Wie sich herausstellte (ich unterhielt mich anschliessend mit dem Moderator) findet diese „Poesia en el Parque“ jeden Freitag hier von 7-8 Uhr statt, jeder kann sich am selben Abend vorher in eine Liste eintragen und präsentiert seine Texte – ohne den gewohnten Poetry-Slam-Kontext natürlich, sondern mehr als Lesebühne, und mit einem etwas höheren Publikums-Altersdurchschnitt, aber ebenso mit Begeisterung und Leidenschaft und Applaus und Poesie und Reim und Inhalt und der Liebe zum Wort… jetzt kann ich mir hier echt heimisch fühlen. Ich habe schon angefangen, meinen Text „Ich hasse“ (mein erster richtiger Slamtext übers Fernsehen) zu übersetzen um ihn dann hier zweisprachig vorzutragen und kann es kaum erwarten – ich brauche es eben doch einfach, das Mikro, das Publikum… und noch viel mehr den Ansporn zum Schreiben!
Auf der Taxifahrt nach Pueblo Libre zurück (nach ein bisschen Nachtleben durchschwärmen in Miraflores) unterhielt ich mich mit dem Fahrer, dessen Neffe auch Gedichte schreibt und der ausserdem schonmal in Deutschland war, über Poesie und die deutsche Mentalität. Erst nach 12 angekommen musste ich feststellen, dass die hier in meiner Unterkunft tatsächlich noch ein weiteres Schloss an der Haustür benutzen, dessen Schlüssel ich nicht habe, sodass Pilar extra aufmachen musste (k.A. wie sie mich so leicht gehört hat…) – jetzt weiss ich auch warum die Regel „vor 12 zuhause“ existiert… das ist ja schon irgendwie ätzend, hab schliesslich vor, noch das ein oder andere Mal abends auszugehen. Gut, dass ich ausziehe.
Heute ging es dann nach ein wenig überfälligem Wäschewaschen in den mit Katty in den Parque de la Leyendas. Der ist aber weniger poetisch als sein Name – im Grund eigentlich ein Zoo, einfach ein wenig auf die drei Landeszonen bezogen. Mit 10 Soles ausserdem lächerlich überteuert. Dafür trumpft er wenigstens mit Quantität und ist einfach riesig. Wir brauchten bis zum frühen Abend, bis der Park schliesslich schloss.
Da wir morgen von ihr aus nach Chancay fahren wollten, wollte ich anschliessend nur ein paar Sachen aus meinem Zimmer holen – da man einen Gast nun mal abends nicht draussen vor der Tür warten lässt, bat ich sie, in der Küche zu warten. Ich war kaum die Treppe hoch, da hielt mich Rosanna auf und fragte, ob ich wen mitgebracht hätte (was die Hausregeln nicht erlauben). Ich erklärte die Situation unter dem Aspekt, dass ich nur 2 Minuten meine Sachen holen würde, aber siue bestand darauf, dass ich erst runter ging, sie rauswarf und dann erst mein Zeug holte. Engstirnig. Als ich beim endgültigen rausgehen wortlos die Schlüssel auf den Tisch legte verlangte sie gar noch, ich könne mich ja auch noch richtig verabschieden. „vaza, hasta luego, me voy“ sagte ich deutlich angepisst und machte mich davon. Dass die Regeln bis zur kleinkarierten Unhöflichkeit gingen war schlimm genug – mich wie ein unmündiges Familienmitglied zu behandeln, dass sie nicht ordentlich verabschiedet hatte, ging zu weit. Bin wirklich froh, hier bald auszuziehen – ich unterwerf mich doch keinen Regeln, die sich keine Familie (erst recht nicht meine) trauen würde, so durchzusetzen und lass mich dann für einen erwachsenen Studenten völlig unpassend behandeln, wenn ich nicht mal in einer Familie lebe, sondern dafür bezahle wie in einem Hotel. Also an alle potentiell interessierten – das „Boarding House“ von Rosanna Paz in der Seoane 272 ist nur was für Studenten, die nicht vorhaben, mal mit nem Freund vorbeizuschauen oder abends wegzugehen. Alle anderen sind selbst in nem Hostel besser aufgehoben.

28.8.2010, Lima

El pueblo libre y la demografia

El pueblo libre y la demografia

Da mein Unterricht heute ja erst nachmittags stattfand, hatte ich nach dem Aufstehen den ganzen Tag über Zeit und entschloss mich, ein wenig mein barrio zu erkunden, so lange ich noch hier wohne. Also Stadtplan und Torbens Walkman eingepackt und los in Richtung La Mar. Die nächsten fünf Stunden legte ich einen beachtlichen Weg durch Pueblo Libre und San Miguel zurück, bis zum Meer, zurück zur Plaza San Miguel und wieder zur casa. Mit Torbens Mail aus Cuba und der dort auffälligen Propaganda im Kopf fielen mir hier besonders die Wahlwerbungen auf, die wirklich an jeder Ecke hängen, da bald Bürgermeisterwahlen sind. Unglaublich viele alcaldes werben mit ihren Gesichtern, dem Namen und/oder dem Parteisymbol (welches man hier dann bei der Wahl ankreuzt) um die Stimmen – erstaunlich selten jedoch damit, wofür sie stehen, oder was sie denn als alcalde so tun wollen. Man wählt also einfach den, der am sympathischsten aussieht, oder dessen Namen man am häufigsten auf Wänden gelesen hat (das wäre dann wohl Lourdes) – so kann Demokratie doch nicht richtig funktionieren… und dann beschweren sich alle über die Korruption. Obwohl: wird in Deutschland denn so viel mehr nach anderen, rationalen Kriterien gewählt?…

Abends ging es dann zur Uni, wo ich erstmal wieder vor einer leeren aula sass. Ich befürchtete schon, wieder umsonst hergekommen zu sein, und das meine Klassen nie anfangen. Es kam aber schliesslich ein Kommilitone, mit dem ich mich unterhielt, und der meinte, heute würde das Seminar sicher stattfinden – sonst wäre ich vielleicht schon wieder gegangen. Circa 30 Minuten später kam dann Professor Max Menesis Rivas, und auch die anderen Kommilitonen trudelten langsam ein. Die Veranstaltung selbst war natürlich noch eine einleitende Organisationsstunde ohne grossen Inhalt, aber es erschien mir doch bastaaaante einfach für eine 8.-Semester-Veranstaltung: das meiste des thematisch angesetzten hatte ich nin Halle schon im 2. und 3. Semester. Nun ja, abwarten, vielleicht unterschätze ich es ja auch. Aber wenn das so bleibt, werde ich wohl selbst dann keine Probleme haben, wenn ich hier das ein oder andere mal fehle…

24.8.2010, Lima

Blick auf den blauen Himmel aus dem Bett
Früh aufgestanden, um zu meiner 8:05-Veranstaltung zu gehen, bemerkte ich schon schnell ein starkes Unwohlsein in der Magengegend – das musste ja früher oder später kommen. Schon auf dem Weg zur Bolívar plagten mich die Bauchschmerzen so sehr, dass ich die Veranstaltung kurzerhand ausfallen liess und umkehrte – also schon wieder kein Unterricht heute. (Nadja erzählte mir später, dass es auch nur organisatorisch gewesen war, sowie dass die Klasse am Freitag ausfallen würde, weil der Prof da aus irgendeinem Grund eine Doppelbelegung hat). Bis zum späten Nachmittag verbrachte ich also den Tag mit Bauchschmerzen und Durchfall im Bett und sah nur aus dem Fenster, dass ich einen der wenigen Tage in Lima mit blauem Himmel verpasste. Sehr ärgerlich. Ich hoffe, das wird mir nicht allzu oft hier so gehen, vor allem nicht in dem Ausmass… vielleicht sollte ich weniger en la calle essen…

25.8.2010, Lima

Flugzeuge im Bauch und das Gewissen / Die Vögel

Flugzeuge im Bauch und das Gewissen / Die Vögel

Flugzeuge im Bauch und das Gewissen
Cesna für den Linien-Flug in NazcaIn meinem Magen scheinen 10 der Cesnas umherzudüsen, in einer von denen ich eben noch gesessen habe. Die Hitze und die zahllosen Kurven brachten mich wirklich so kurz davor, die kleine Tüte vor mir zu benutzen, dass ich mich fragte, ob die ausreichen würde. Aber der Reihe nach.
Nachdem ich gestern Abend in Nazca angekommen war und mich über den Flores-Bus aufgeregt hatte (der in nervtötender Lautstärke Reggaeton-Musikvideos gespielt hatte), suchte und fand ich ein Hotel direkt an der Plaza (wieder mal dramatisch runtergehandelt). Heute wollte ich dann schliesslich die Linien sehen, für die ich hergekommen war. Die Linien sind riesige, teils kilometergrosse, in den Sand gemalte Figuren, die Rillen meist nur fingerbreit, wahrscheinlich aus religiösen Gründen von den Nazca vor mehreren hundert Jahren in die Wüste geritzt. Leider kann und darf man sie nicht vom Boden aus sehen und so musste ich mich wohl oder übel auf den Flug einlassen. Ausblick auf die Linien-Figur KolibriDer war zwar vor Ort am Terminal gekauft billiger als in Nazca selbst, mit $65 aber immer noch viel zu teuer. Zusätzlich zum schlechten ökologischen Gewissen nach so einem Flug kam dann massives mal-estar, so dass es sich ehrlich gesagt nur geringfügig gelohnt hat – auch wenn der Blick auf die Linien natürlich fantastisch ist und man ganz schön beeindruckt ist – aber richtig geniessen kann man es nicht. So blieb dann in Nazca zurückgekommen weder viel Geld, noch Lust, die Museen zu besuchen, und so ging es dann am Nachmittag zurück in Richtung Paracas, um morgen endlich die Islas Ballestas zu sehen.

22.8.2010, Nazca

Rendezvouz mit der weissen Wand II oder „Die Vögel“
VogelparadiesDer weisse Nebel geht fliessend ins Meer zu meiner Rechten über und nur zwei steinerne Inseln schwimmen am Horizont. über mir fliegen tausende Vögel in Richtung Islas Ballestas. Por fin sitze ich auf dem Boot in Richtung der Inseln, nachdem es heute früh zur letzten Minute für S/ 25 auf das Boot ging. (Am 1. Tag in Paracas hatte ich ein Hostel gefunden, das uns zusätzlich für S/ 30 (der Normalpreis) die Tour anbot. Auf Nachfrage, ob er das nicht billiger machen könne wenn man beides nimmt, meinte er, wenn ich das Zimmer nicht nähme, könne er die Tour für S/ 25 anbieten – bis jetzt nicht verstanden, aber natürlich heute ausgenutzt…). Im Wahnsinnstempo düsen wir nun an der mysteriösen Candelera-Felszeichnung vorbei zu den Inseln, die ohne Übertreibung von oben bis unten mit Vögel und deren Kot bedeckt ist. Islas BallestasEin paar wenige Menschen üben hier im wahrsten Sinne des Wortes einen Scheiss-Job aus und sammeln das Zeug, das als Dünger in die ganze Welt verkauft wird. Bevor in Leuna bei Halle an der Saale der Kunstdünger entwickelt wurde, hatte der Guano Peru eine Menge Geld eingebracht…
Ausserdem finden sich hier (neben dem Guano-Vogel) der nach der Meeresströmung benannte Humboldt-Pinguin und viele lobos maritimos (Seehunde). Nach zwei schaukelnden Stunden und dem Beobachten einiger Delphine auf dem Rückweg betraten wir wieder festen Boden.
Jetzt sitze ich im Bus auf der Rückfahrt nach Lima, nachdem ich Land, Luft und Meer bereist habe und viel gesehen und erlebt habe. Morgen gehen dann meine Klassen in Lima los und ich komme wieder ein wenig ins universitäre Leben – wie das hier aussieht, seht ihr dann hoffentlich bald hier! 😉

23.8.2010, Paracas

Wüst.

Wüst.

Strasse durch die Reserva NacionalAuf einer unendlich scheinenden Strasse Richtung Cerros Colorados (rote Hügel) wandernd, das Meer weit links neben mir, kaum noch sichtbar; um mich herum: wüst. Und von wegen „die Wüste lebt“ – es ist so still, dass ich meinen Tinnitus höre, und so weit das Auge reicht, nicht der Hauch einer Bewegung. Nur Sand und Stein. Ich komme mir vor wie verlaufen und verloren, obwohl ich in Wirklichkeit (zumindest grob) weiss, wo es langgeht – aber der Wüstenstaub flimmert und bis zur Lagunilla ist es noch weit. Aber es ist wunderschön.
Wie geplant habe ich mich für das verlängerte Wochenende am Donnerstag nach Pisco aufgemacht, da universitär wohl eh noch nichts läuft diese Woche. Am Soyuz-Busterminal in der Av. Mexico ging es schliesslich los in Richtung Pisco – dass der Bus mehr als die angekündigten 3 Stunden brauchte, ist ja kaum erwähnenswert. Dass der Schaffner vier mal unterwegs die Tickets sehen wollte, schon. Als ich in Pisco ankam, dämmerte es schon, und so sah ich mir nur die Plaza an und ass cena (was auch schon fast alles ist, was man in Pisco selbst machen kann) und nahm ein collectivo nach Paracas, der kleineren, aber etwas schöneren Nachbarstadt und Heimat der indigenen Paracas-Kultur. Sie liegt direkt am Meer, und vom Hafen kann man mit einer Tour zu den Islas Ballestas fahren, die ein wahres Natur- und Vogelparadies sein sollen (u.a. lebt hier der Humboldt-Pinguin). Nach einer Nacht im sehr empfehlenswerten Backpackerhostal (gleich neben dem Archäologie-Museum 😉 – mit einem wahnsinnig netten dueño, sauberen Sanitäranlagen und sehr schicken Appartments) sollte es am nächsten Morgen früh zu den Inseln gehen… dafür war 10:00 aber dann doch zu spät. Verpasst habe ich aber trozdem nichts, da wie sich herausstellte, wegen des Wetters auf See die rote Fahne gehisst war und kein Boot den Hafen verliess. Also entschloss ich mich stattdessen, die Reserva National (Nationalpark) zu besuchen. Auch hier waren allerdings alle Touren schon weg (da sie als Ersatz für die ausgefallenen Bootstouren früher gefahren waren), so dass ich mich kurzerhand zu Fuss aufmachte. Also Wasser eingepackt, gefrühstückt und los in die Wüste. Wegweiser Reserva NationalDa war ich nun und lief zahllose Stunden durch das gelbe und rote Land. Als ich die Lagunilla, eine wunderschöne Bucht, erreicht hatte, wurde klar, dass der lange Weg zur Catedral (eine Felsformation in Form einer Kathedrale) vor Sonnenuntergang nicht zu bewältigen war – und dann wirds kalt und dunkel. Da ich aber ausserdem plötzlich Magenbeschwerden bekam (ich verdächtige ja das Restaurant an der Lagunilla) nahm ich ein Taxi zurück nach Paracas und von dort direkt eins zur Kreuzung der Panamericana, von wo aus ein Bus nach Ica fährt. So kam ich zeitig genug in Ica an, um mich etwas auszukurieren.

LagunillaBoote an der Lagunilla

Heute dann Teil 2 der Überschrift. Nach einem kurzen Spaziergang durch Ica (das wirklich nicht schön ist) fuhr ich zur Oase Huacachina, Oase Huacachinadie ca. 5 km entfernt zwischen den Sanddünen liegt. Nach 2 Stunden an dieser idzllischen Lagune ging es auf einen wüsten Trip in die Dünen. Mit einem Quad für 9 Personen (eigentlich für S/ 40, ich handelte auf ganze S/ 35 runter 😉 ) ging es für 1 1/2 Stunden los – schon nach den ersten 5 Minuten merkten wir, dass es eine harte Tour werden würde und ich stiess mir bei einer der Bodenwellen den Kopf am Metallträger hinter mir. Motor-Quad in den DünenWeiter hoch und runter hüpfend düsten wir durch die Dünen während wir uns an jedem Halt gebenden Element festklammerten und die Aussicht von einem Hügel zum nächsten grandioser wurde.
Nach einer halben Stunde mit nur kurzer Pause hielten wir auf dem Kamm eines unglaublichen hohen Hügels und unser Fahrer holte ein paar Sandboards aus der Halterung des Quads hervor. Wer es nicht kennt: ein Sandboard ist wie ein Snowboard. Nur für Sand. Also eigentlich nichts als ein Brett mit Fussschnallen.
Ich beim Sandboarden 1Ich beim Sandboarden 2
Mit einem ganzen Stück Flattern im Magen standen wir da auf der Spitze des Hügels und befestigten unsere Füsse auf dem Brett – keine Frage: es war geil. Nach mehreren Dünen Abfahrt hatte ich den Dreh raus, überschlug mich nur einmal und wurde sogar gefragt, ob ich schonmal snowboarden gewesen sei, weil ich das so gut könne. Trotz Überschlag ;). Es geht eigentlich hauptsächlich ums Gleichgewist, und darum, das Brett diagonal zum Hügel zu halten und gleichzeitig waagerecht, um nicht umzukippen. Es war jedenfalls definitiv die Erfahrung wert.
Erschöpft, angeschlagen und voller Sand ging es nach Huacachina zurück und über Ica am selben Abend mit dem Bus nach Nazca, wo ich hoffe, morgen die berühmten Linien von Nazca zu sehen, doch dazu später mehr.
Dünen.

21.8.2010, Ica

Spannende Klassen

Spannende Klassen

…hatte ich bisher ehrlich gesagt noch nicht in der Uni. Genaugenommen gar keine; sowohl die Klasse gestern, als auch heute fiel aus – von ersterer weiss ich nun, dass der Prof noch die ganze Woche weg ist – bei den anderen kann ich das nur vermuten. Ein wenig ärgerlich, dass ich da nicht gleich länger in Cusco geblieben bin. Da also unitechnisch diese Woche wohl nichts mehr laufen wird, geht es ab morgen für ein verlängertes Wochenende wahrscheinlich nach Pisco, Ica und wahrscheinlich auch noch Nazca – da muss ich die Zeit ja nicht hier in Lima verbummeln.
Nun ja, gestern habe ich mir jedenfalls mal ein bisschen intensiver das historische Zentrum angesehen mit der Plaza de Armas (bei Nacht sehr schick beleuchtet) und die Fussgängerzone Union; was meinen Eindruck vom Centre etwas verbessert hat. Heute nach dem Ausfall war ich wieder ein wenig in selbigem Zentrum, mit meiner halleschen Kommilitonin Nadja, die ebenfalls hier in Lima studiert und die (ausgefallene) Veranstaltung heute früh mit mir zusammen belegt.
Inzwischen habe ich auch meine Unterkunft ab September klar gemacht und wohne dann für S/ 500 mit Angela in der WG in Jesús Maria – zwar nicht unbedingt das billigste, aber ist mir dann doch lieber so, da ich schliesslich dort all die liebgewonnenen Freiheiten des WG-Lebens habe und trotzdem durch die peruanische Mitbewohnerin nicht den „Landeskontakt“ verliere…

18.8.2010, Lima

Mis Horarios

Mis Horarios

Ich bin wieder in Lima, der Himmel ist immernoch grau – aber es geht mir gut! Die Reise hat mir gut getan, mir viel Neues gezeigt und jetzt bin ich frisch und bereit für den Semesterbeginn. Heute früh ging es zur Reunion eines Teils der Austauschstudenten im Büro der Austauschverantwortlichen Veronica Roldán Flores. Wie sich herausstellte, waren 7 der 10 Anwesenden aus Deutschland… war trotzdem interessant. 😉
Die meisten angesprochenen Sachen hatten sich allerdings für mich schon erledigt, weil ich es schon Anfang des Monats geklärt hatte. So konnte ich dann auch anschliessend schon meinen Bibliotheksausweis der Uni Lima abholen, mit dem ich jetzt offiziell peruanischer Student bin. Schickes Ding, und das Foto gefällt mir auf jeden Fall besser als das meines internationalen Studentenausweises. Anschliessend ging ich meinen Horario (Stundenplan) machen. Zwei der drei Veranstaltungen, die ich mir in Dtl. per Internet rausgesucht hatte, tauchten leider nirgendwo auf und werden offenbar dieses Jahr nicht mehr angeboten (Stadtsoziologie und „Armut und soziale Exklusion in Peru“), so dass ich mir stattdessen zwei andere Veranstaltungen raussuchte. Die einzige Veranstaltung, die ich mir in Halle für mein kulturwissenschaftliches Modul anrechnen lassen will („Soziale und politische Prozesse in Lateinamerika“) fand sich zum Glück wieder. Da die beiden fakultativen Seminare für Peruaner des 8. Semesters sind, habe ich den grössten Teil der Woche nur Nachmittags Uni, da die höheren Semester hier grundsätzlich nachmittags, die jüngeren Vormittags Uni haben. Hier mal mein Stundenplan:
Fakultät der Sozialwissenschaften
Montag: 15:10-17:40 „Sociologia de la cultura“
Dienstag: 18:35-20:15 „Demografia social“
Mittwoch: 8:00-10:35 „Procesos sociales y politicos“
Donnerstag: 16:00-17:40 „Demografia social“
Freitag: 8:00-10:35 „Procesos sociales y politicos“
15:10-16:50 „Sociologia de la cultura“

…ist zwar schick viel frei, aber leider nicht am Stück – wenn ich also ein verlängertes Wochenende weg will, muss ich wohl oder übel etwas ausfallen lassen. Apropos ausfallen: die erste Veranstaltung heute, „Soziologie der Kultur“, fiel erstmal aus. Ist ja schliesslich auch der erste Tag…
Abends war ich dann noch relativ spontan bei Kattys Familie in Los Olivos – die Familie ist grandios (und gross) und wir hatten eine schöne cena zusammen. Sie wohnen in einer recht heruntergekommenen Gegend mit grösstenteils Wellblechhäusern, die meist eigenhändig erweitert und ausgebaut sind, die Strasse davor ist unbefestigt – aber trotz erschreckend kleinem und spärlichen Bad und der Notwendigkeit, drinnen Mütze und Jacke zu tragen, findet sich ein grosser Fernseher und eine neue Stereoanlage im Wohnzimmer. Denn an sich scheinen sie ganz gut leben zu können – ob hier nur einfach andere Prioritäten als die Wohnung gesetzt werden, oder woran das letztenendlich liegt, kann ich (noch) nicht beurteilen. Aber es scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein. Nun ja, wie auch immer, die Familie hat mich sehr herzlich empfangen (besonders die 1 und 3 Jahre alten Kinder von Kattys Schwester 😉 ), und ich habe mich dort wirklich wohl gefühlt – und was wäre wichtiger als das?